Babel revisited

Veröffentlicht: 2. Februar 2015 in Allgemein
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Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel ist weitum bekannt und hat Nachwirkungen bis in die Popkultur, man denke etwa an Douglas Adams’ fiktiven „Babelfisch“, ein Kleinstlebewesen, das eine Symbiose mit sprachverwendenden Lebensformen eingehen kann und dabei – einmal ins Ohr einer Person gesetzt – aus allen Sprachen des Universums übersetzt. Der Babelfisch wurde seinerseits in den 1990er-Jahren Namensgeber für eine (frühe) Übersetzungswebsite (mit der ich zu Schulzeiten einmal sehr, sehr viel Spaß hatte, indem ich – nach dem Vorbild eines Buches, das mein Lateinlehrer in den Unterricht mitgebracht hatte – Stellen aus meinen Lieblingsbüchern vor- und rückwärts ins Englische und Französische und dann wieder ins Deutsche übersetzen ließ).

Sowohl der Babelfisch im Kontext von Adams’ „Hitchhiker“-Reihe als auch der Übersetzungscomputer selben Namens sind angetreten, um sozusagen das Chaos nach erfolgter „Sprachverwirrung“ zu ordnen.

Dieser Vorgang der „Sprachverwirrung“ aber wird im Alten Testament als Strafe Gottes für menschliche Hybris beschrieben – damit die Menschen von Babel nicht weiter an einem Turm bauen konnten, der bis in den Himmel reichen sollte, „verwirrte“ Gott demnach ihre Sprachen, d.h. im biblischen Bild: Sie konnten sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr gegenseitig verstehen, weil jeder plötzlich eine andere Sprache sprach.

Beim Lesen des ersten Kapitels in H. Schendls „Historical linguistics“ (Oxford University Press 2001), wo er den Turmbau zu Babel anspricht, kam mir ein Gedanke dazu:

Was, wenn die „Sprachverwirrung zu Babel“ nicht als Verlust einer einzigen gemeinsamen Sprache interpretiert würde, sondern als die Arroganz und die Kurzsichtigkeit, die mit der Weigerung, die Sprache anderer zu lernen, einhergehen?

Was, wenn Babel vor der „Verwirrung“ keine monolinguale, sondern eine multilinguale Gesellschaft war? Mit plurilingualen Mitgliedern, die mindestens rezeptiv mehrsprachig waren, also sich bemühten, die Sprachen, die sie nicht sprechen konnten, jedenfalls zu verstehen?

Hieße das nicht, dass uns mit und in diesem ständigen und hoffentlich erfolgreichen Bemühen, uns gegenseitig zu verstehen, auch auf den ersten Blick unmögliche Vorhaben gelingen können…?

Ich weiß, wieder einmal viel Pathos (und wenig Ironie – um mindestens zwei Leserinnen eine Freude zu machen) und Träumerei… allerdings bin ich auf diesen meinen Gedanken (den fett gedruckten) leider tatsächlich stolz genug, um ihn in irgendeiner Form unbedingt mit der Welt (bzw. meinem Blog) teilen zu müssen. Et voilà.

P.S.: Ich gelobe ausdrücklich keine Besserung, was englischsprachige Artikelüberschriften betrifft. Englisch, diese (gegenwärtig) Fremdsprache aller Fremdsprachen auf diesem Planeten, ist durch Lektüre und sonstigen Medienkonsum (auch und gerade online) ein Teil meiner Selbst geworden – und gleichzeitig einer der Gründe, der mich an meiner Eignung als Deutschlehrerin zweifeln lässt, wenn mir etwa treffende Vokabel zuerst auf Englisch und erst dann (vielleicht) auf Deutsch einfallen.

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Kommentare
  1. derhase1 sagt:

    Hey, hey,
    Also das Problem, dass mir vieles zuerst auf Englisch einfällt, bevor ich irgendwas auf Deutsch daherstammel, hab ich schon lange. Blöd wirds allerdings, wenn ich jemandem, der selbst nicht oder wenig Englisch spricht (die meisten überschätzen sich nämlich, was ihre diesbezüglichen Sprachkenntnisse betrifft, weil „es ist ja eh nur Englisch, und das kann man“) ein Buch empfiehlt, und dann ist das leider im Original, und selber kann man sich nicht mehr im Geringsten erinnern, in welcher Sprache man es gelesen hat.
    Meiner Meinung nach ist die Menschheit sowieso komplett egoistisch, also prädestiniert dafür, sich selbst gar nicht verstehen zu wollen. Und wie jeder leidgeprüfte Komparatist aufgrund vieler Theoretiker weiß, versteht man sich ohnehin nur zu (variabel, je nach Theoretiker) höchstens 20%, selbst wenn man die gleiche Sprache spricht.
    Babelfish fand ich aber immer cool – ob man da die Sprache der Tiere auch versteht?
    “ Well, that´s life in the world of Doctor Dolittle. Doves start to coo when they see Dolittle. He has a profound philosophy. If animals can be friends, says he, well then, why can´t we?“
    Mit diesen philosophischen Worten zum Tag: Winke!

  2. Juliane sagt:

    Doctor-Dolittle-Zitat suuuper! 🙂

    Die Sprache der Tiere – das macht natürlich gleich noch ein viel weiteres Feld auf. Im Rahmen von Douglas Adams‘ Büchern muss man ja fast davon ausgehen, dass man irgendwie auch die Tiersprachen verstehen gelernt hat, sonst könnten wir nicht wissen, dass die Delfine „So long and thanks for all the fish“ gesagt haben, bevor sie interstellar davongebraust sind.
    Linguist_innen (ich weiß, spätestens jetzt wirst du dich mit ihnen nie so 150%ig anfreunden ;)) zucken beim Begriff „Tiersprachen“ dagegen wahrscheinlich nervös mit den Augenlidern, weil definitionsgemäß erst das eine Sprache ist, was Verständigung über den Kontext hinaus möglich macht (z.B. durch Möglichkeiten, die Vergangenheit oder imaginative Dinge auszudrücken). Zurück in der „Hitchhiker“-Reihe hätten (beispielsweise) die Delfine allerdings eine Sprache, die derart komplex ist, sonst könnten sie sich nicht auf einen langen Zeitraum mit „all the fish“ beziehen. Huch, gar nicht so einfach.

    Und zu „nicht mehr wissen, in welcher Sprache man etwas gelesen (gehört) hat“: Kenn ich sehr!
    In einem der Texte, die ich für meine Prüfung gelesen und gelernt habe, kommt als offenbar erforschtes Faktum zum Ausdruck, was ich schon länger als empirische Vermutung mit mir herumtrage, dass wir nämlich, sobald wir den Inhalt einer Äußerung ins Hirn eingespeist haben, die Form dazu ‚vergessen‘. Wir können die Form zwar ggf. wiedererkennen (wenn wir den Text nochmals lesen/hören, dämmert uns irgendwann, dass wir genau diesen schon einmal gelesen/gehört haben), aber die weitere Arbeit mit dem Inhalt scheint nicht (zwingend) daran gebunden zu sein. Wäre eigentlich mal einen eigenen Blogeintrag wert…

  3. derhase1 sagt:

    (Keine Ahnung, warum ich diesen Kommentar nicht weiter oben beginnen kann.) Ach ja, die Sprache der Tiere. Dass viele Linguist_innen, mit denen ich mich niemals anfreunden werde, leugnen würden, dass Tiere eine Sprache sprechen, kann ich mir lebhaft vorstellen. Vermutlich bewegen wir uns da irgendwo auf dem Level, dass jetzt eine umständliche Studie einer kalifornischen Universität veröffentlicht wurde, dass Hunde tatsächlich EIFERSUCHT empfinden. Ach echt? Millionen von Hundebesitzern hätten das den Damen und Herren Forschern schon seit Jahrhunderten sagen können….. Aber gut, Verständigung über den Kontext hinaus – das sagt beispielsweise auch das Max-Plank-Institut, und auch, dass Tiere nicht in die Vergangenheit oder Zukunft denken können. Ich will hier jetzt wirklich keine linguistische Diskussion vom Zaun brechen, bin aber immerhin auch sowas wie eine Sprachwissenschafterin und mir als eine solche reicht es, dass meine Hunde sich ERINNERN und ihre Erinnerungen als Erfahrungen, die sie einmal erlebt oder gesehen niemals vergessen, in die Gegenwart und von dort in die Zukunft mitnehmen. Und erinnern kann man sich, habe ich mal vage gehört, nur dann, wenn man die Fähigkeit hat, Bilder zu speichern und zu benennen…. Wie auch immer, ich würde mir wünschen, dass alle sprachbegabten LinguistInnen ein so gutes Gedächtnis hätten, wie meine nicht sprachbegabten Hunde….

    Ich schließe meine Ausführungen mit einem Zitat aus „Die Stadt der träumenden Bücher“: „Es klang so als versuchten im Nachbarzimmer eine Horde Yetis, mit den Möbeln zu musizieren.“ Gschamsta Diena und Winke!

  4. Juliane sagt:

    Sorry für die späte Antwort, WordPressens E-Mail-Benachrichtigungen versagen leider angesichts von WordPressens eigener Kommentar-Schachtelung, sprich, ich bekomme (derzeit? *solches checken geht*) nur eine Benachrichtigung, wenn ein Kommentar der ersten Kommentarebene geschrieben wird.

    Daran anschließend auch noch gleich eine technische Frage: Hast du mit „diesen Kommentar nicht weiter oben beginnen können“ gemeint, dass du während der Eingabe einen nicht reduzierbaren Abstand vom oberen Rand des Eingabefensters gesehen hast? (Bah, das klingt kompliziert… hoffe, du weißt was ich meine). Das dürfte – ebenfalls aus ungeklärten Gründen – die Standard-Eigenschaft von Zweit- und Drittebenenkommentaren sein, wie ich gerade „ausprobiere“. Überlege gerade, einfach die Kommentarschachtelung abzudrehen, deren großer Fan ich ohnehin nie war… (jedenfalls nicht bei der Anzahl der Kommentare, die ich hier erwarte zu bekommen ;)).

    Außerdem stelle ich gerade fest, dass ich heute Genitive Appreciation Day haben dürfte. Um also nicht völlig des Wahnsinns zu werden, gehe ich jetzt wieder mit meinen Möbeln musizieren. :)))

  5. derHase1 sagt:

    Ja, genau das mein ich, von wegen „nicht reduzierbarer Abstand vom oberen Rand des Eingabefensters“. Aber der verschwindet dann ohnehin, wenn man das Kommentar postet – was aber erst ersichtlich war, nachdem ich das Kommentar gepostet hatte. So gesehen: doch keine gröberen Auswirkungen!

    Ich finde es gut, dass du geistige Disziplin durch das Musizieren mit deinen Möbeln zu erreichen trachtest! Jamie versucht das schon seit Jahren, und siehe, wohin er damit gekommen ist! :-))

  6. Juliane sagt:

    Oh ja, Jamie mein leuchtendes Vorbild… ^^

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

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