72. Jahrestag der Liquidierung des Krakauer Ghettos

Veröffentlicht: 15. März 2015 in Allgemein
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Im März 1941 wurde das Krakauer Jüdische Ghetto in Podgórze (Stadtteil südlich der Weichsel) errichtet. 16.000 Menschen mussten mit dem Platz auskommen, der zuvor 3000 Einwohner_innen zur Verfügung gestanden war. Das Ghetto wurde eingemauert, wobei oft Häuser als Grenze verwendet wurden, deren jeweilige Fensterfront zugemauert wurde; die Lücken dazwischen wurden durch neu errichtete Ghettomauern geschlossen, deren Aussehen an jüdische Friedhofsmauern bzw. Grabsteine gemahnt – ein morbider Anblick für die derart Eingemauerten.

Sticker der heutigen Veranstaltung.

Sticker der heutigen Veranstaltung

Bereits zwei Jahre später, am 13. und 14. März 1943, wurde das Ghetto „liquidiert“ – d.h. die Einwohner_innen wurden in Arbeits- und Konzentrationslager verbracht (v.a. ins nicht weit entfernte, innerhalb der Verwaltungsgrenze Krakaus liegende Lager Płaszów, dessen Kommandant Amon Goeth ebenso wie der gesamte Vorgang vielleicht manchen aus „Schindlers Liste“ geläufig ist) oder an Ort und Stelle umgebracht (besonders Kinder, Kranke und „Arbeitsunfähige“, aber z.B. auch Menschen, die schlicht nicht mehr auf die Lastwägen passten). Der Hausrat der abtransportierten bzw. getöteten Jüdinnen und Juden wurde auf die Straße geworfen – ein Aspekt, an den das jetzige Denkmal am Plac Bohaterów Getta (Platz der Ghettohelden) erinnert: Leere Stühle in verschiedenen Größen stehen auf dem einstmaligen Hauptplatz (und einzigen Platz in dem Sinne) des Ghettos; ihre Besitzer_innen werden nie zurückkehren.

Plac Bohaterów Getta

Plac Bohaterów Getta

Seit 1980 wird der Liquidierung des Ghettos jährlich im März mit einem Gedenkmarsch (Marsz Pamięci/March of Remembrance) gedacht („Marsch“ klingt auf Deutsch in dem Zusammenhang echt nicht gut, aber „Spaziergang“ klingt noch dümmer – andere Vorschläge, anyone?). Heuer war dieser am heutigen Sonntag, und nach den letzten, regnerisch-eiskalten Tagen war heute wieder ein sonniger, mittags durchaus warmer Frühlingstag, an dem es nicht schwerfiel, aus dem Haus zu gehen und sich der Veranstaltung anzuschließen.

Gedenktafel an der Pizzeria...

Gedenktafel an der Pizzeria…

Nach einigen kurzen Ansprachen und einer Kranzniederlegung mit Kaddish durch den Rabbiner (die Gedenktafel am Plac Bohaterów Getta ist, durchaus zweifelhaft, an einem Gebäude angebracht, in dem sich heute eine eher schrill beworbene Pizzeria befindet) setzten wir uns Richtung Płaszów in Bewegung; teils auf der Hauptstraße oder Straßenbahnschienen querend, im Großen und Ganzen aber den Verkehr nur wenig behindernd. Ein weiterer Halt war an einem der beiden noch stehenden Stücke ehemaliger Ghettomauer, wo ebenfalls Kränze niedergelegt wurden.

An der ehemaligen Ghettomauer.

An der ehemaligen Ghettomauer.

Die Stätte des ehemaligen Konzentrationslagers ist heute praktisch nur durch Hinweisschilder („Sie betreten jetzt den Bereich des ehemaligen nazi-deutschen KL Płaszów…“) und ein Mahnmal kenntlich, teilweise stehen Einfamilienhäuser dort, zum Großteil ist es aber einfach Wiese, Schotterweg, weite Fläche – auf einer Seite begrenzt durch eine große Ausfallstraße, an deren anderer Straßenseite sich ein Einkaufspark erstreckt. Möchte man zum Mahnmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, steigt man also mit hoher Wahrscheinlichkeit bei einer Busstation aus, die nach dem Einkaufszentrum „Bonarka“ benannt ist…

Das Mahnmal in Płaszów von der Straßenseite aus.

Das Mahnmal in Płaszów von der Straßenseite aus.

Die Veranstaltung heute war schlicht, würdevoll und teils sehr berührend (man sehe etwa das Bild des Mannes an der Ghettomauer). Es war schön, dabeisein zu können.

P.S.: Mehr Fotos gibt es auf der Website von Radio Kraków.

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Kommentare
  1. derHase1 sagt:

    Irgendwie habe ich mich mit diesem Teil der Geschichte nie intensiv beschäftigt – es fällt mir schon schwer genug, bei den nennen wir es „modernen Bösartigkeiten“ der heutigen Welt auf dem Laufenden zu bleiben und diese für mich zu verarbeiten. Wäre ich an diesem Sonntag in Krakau gewesen, hätte ich an dieser Gedenkfeier allerdings auch teilgenommen.

  2. Juliane sagt:

    Es war wirklich eine mit dem Wort „gut“ nur unzureichend beschreibbare Atmosphäre. Einerseits natürlich Trauer, Gedenken, aber gleichzeitig Blicke in die Zukunft, sichtbares Zeichen, dass jüdisches Leben nach Krakau zurückgekehrt ist und dass sich auch „Gojim“ an der Erinnerungskultur beteiligen.

  3. […] Das ausschnittweise zitierte Gedicht “Kontratak” (Konterattacke) schrieb Szlengel im Jänner 1943 im Warschauer Jüdischen Ghetto, nachdem sich dort erstmals jüdische Kämpfer_innen den Nazis entgegengestellt hatten, als diese Kinder abtransportieren wollten. Dies wurde zu einem wegweisenden Ereignis für den verzweifelten Aufstand im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 begann, dem Tag, an dem das Warschauer Ghetto “liquidiert” werden sollte – so, wie das Krakauer Ghetto rund einen Monat davor. […]

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