Auf der Suche nach dem Frühling…

Veröffentlicht: 29. März 2015 in Allgemein
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Das Wetter hier ist in gewisser Hinsicht gewöhnungsbedürftig: Es wird schneller, mit weniger Abstufungen, warm als ich es aus dem Voralpenland gewöhnt bin; genauso wird es aber auch sehr, sehr schnell wieder (und wieder und wieder) nochmals kalt. Leider auch typisch ist, dass der Tag hell, warm und sonnig beginnt, und bis in die Nachmittagsstunden immer trüber und windiger wird. So auch heute, als ich beschlossen hatte, einen kleinen Sonntagsausflug in den wilden Westen Krakaus zu machen, wo sich Fuchs, Hase und Flughafenbus allem Anschein nach gute Nacht sagen.

So könnte es nämlich gehen: Vor acht Tagen an der Weichsel.

So könnte es nämlich gehen: Vor acht Tagen an der Weichsel.

Als ich von zu Hause startete, war es sonnig und warm. Ich setzte meine Kappe vor allem aus dem Motiv auf, nicht zuviel Sonne abzubekommen. Bis ich nach einem unfreiwilligen halbstündigen Stop-over an der Straßenbahnendhaltestalle Salwator und einem kleinen, äh, Umweg (weil ich in dem uralten Bus nicht mitbekommen hatte, wo ich aussteigen musste*) schließlich in Przegorzały ankam, hatte es dermaßen abgekühlt, dass ich froh war, die Kappe als Schutz gegen den Wind aufzuhaben, und außerdem meine Handschuhe herausfing. Mit der erhofften Wanderung durch die sonnenbeschienenen dörflich-villenviertelartigen Outskirts wurde es also eher nichts, aber zwei, drei durch ihr Gelb auf ihre Frühlingshaftigkeit hinweisenden Gewächse konnte ich doch entdecken:

Gewächs Nr. 1

Gewächs Nr. 1

VLUU L310 W  / Samsung L310 W

Weitere Gewächse

Sogar ein Eichhörnchen habe ich über den Weg laufen sehen, allerdings hatte es eindeutig kein Mitleid für Papparazzi wie mich und war schneller wieder im Gebüsch verschwunden als meine Kamera „zoom“ sagen konnte.

Wie dem oben verlinkten Wikipedia-Artikel zu entnehmen ist, hat der Architekt Adolf Szyszko-Bohusz in Przegorzały gelebt und gewirkt (und vor allem in dem, was er gewirkt hat, gelebt). Die nach ihm benannte Straße ist denn auch mit einer Vielzahl unterschiedlich alter Straßenschilder beschriftet…

Ältestes gefundenes Schild

Ältestes gefundenes Schild

Straßenschild neueren Datums

Straßenschild neueren Datums

Es zeigen sich zwei Dinge:
Erstens, mein typographisch geneigtes Auge ein bisschen schmerzend, der Gedanken- statt Bindestrich im neueren Schild.
Zweitens ein großes Fragezeichen über meinem Kopf in Bezug auf die verwendete Grammatik: Auf dem neueren Schild ist der erste Nachname, Szyszko, offenbar undekliniert, d.h. es ist anzunehmen, dass der gesamte Doppelname als ein Name betrachtet wurde, der erst am Ende, bei Bohusz (Genitiv: Bohusza), gebeugt wird (was den Gedankenstrich umso irriger macht). Das stimmt zwar nicht ganz mit der Handhabung bei anderen Verkehrsflächen in Krakau überein, etwa dem Bahnhofsvorplatz Plac Jana Nowaka-Jeziorańskiego, wo der erste Nachname Nowak ganz eindeutig ebenfalls dekliniert ist, aber bitte. Mehr verwirrt mich aber die Erkenntnis, dass die Form auf dem älteren Schild, Szyszki-Bohusza, zunächst wie ein doppelt gemoppelter Genitiv à la Nowaka-Jeziorańskiego aussieht – es aber höchstwahrscheinlich nicht ist, da es keinen Genitiv Neutrum auf -i gibt bzw. im Deklinationsschema für Wörter auf -ko in keinem einzigen Fall eine i-Endung vorkommt. In dem Sinn: Was ist das und was soll das? Zu Hülf, in meinem Hirn bildet sich ein Knoten… %-)

Edit: Als Fußnote in einem Artikel zum Übersetzen von Eigennamen ge- und für tröstlich befunden, obwohl ich immer noch nicht weiß, wo dieses -i gemäß Deklinationstabelle herkommen sollte: „Ein Genitiv auf -i kann im Nominativ nur auf -a bzw. -o lauten […]“.

Edit 2: In umgekehrter Richtung – wenn man vom Nominativ ausgehend den Genitiv erklärt bekommen will – heißt es aber dann wieder frustrierenderweise: „Der Genitiv Singular der Neutra auf -o und -e endet immer auf -a: oknookna (Fenster), polepola (Feld), mieszkaniemieszkania (Wohnung).“ Hmpf.

Trotz Wind und grammatischer Verwirrung war es irgendwie ein netter kleiner Ausflug, der mir (nochmal) gezeigt hat, dass es sich im weitläufigen Stadtteil Zwierzynec (benannt nach dem Tiergarten) bei warmem Wetter sicher gut aushalten und ein bisschen durch die Botanik wandern lässt…

* Das hat leider in den ansonsten höchst vorbildlichen Krakauer Verkehrsmitteln Methode: Es wird in alte Straßenbahnen und Busse zwar eine moderne LED-Anzeigetafel montiert, auf dieser werden aber nicht etwa die nächsten Halte eingeblendet, sondern nur hochinteressante Fakten wie die Liniennummer und Endhaltestelle (auch auf der Außenanzeige zu ersehen) oder die aktuellen Namenstage…

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Kommentare
  1. :-) J. sagt:

    Werde versuchen, die Lösung des Szyszki-Bohusza-Rätsels herauszufinden. Bitte um Geduld!

  2. Juliane sagt:

    Hui, danke schonmal für den Versuch (und willkommen unter den Kommentatorinnen hier)! 🙂 Geduld kein Problem, solange du nicht anfängst, Youtube-Links mit altkirchenslawischer Volksmusik (oder so) dazuzuposten. 😉

    Meine weitere Mutmaßung seit gestern ist noch, ob es etwas mit seinem Geburtsort Narwa (Estland) zu tun hat und der Name „Szyszko“, trotz vorbildlicher polnischer Schreibung mit zwei „sz“ und „y“, ursprünglich ostslawisch ist (weil wir ja letztens auch die Sache mit den ukrainischen/russischen(?) -ko-Nachnamen hatten, die weißrussisch dann zu -ka werden), und das dann die Erklärung liefert, warum es nach irgendeiner absurden Urstrumpftanten-Deklination gebeugt wurde. (Wenn nämlich ostslaw. -ko und -ka gleichgesetzt werden, könnte man im Polnischen aufgrund der größeren Nähe zu weißrussischen Sprecher_innen irgendwann auf die Idee verfallen sein, dass diese Namen nach dem weiblichen Deklinationsmuster auf -ka, -ga gehen – auch wenn sie gerade in der -ko-Variante geschrieben werden – und da gibt’s dann wirklich das -i im Genitiv).

    Weitere Mutmaßung wäre noch, ob diese Gleichsetzung von ostslaw. -ka- und -ko-Namen heute als abgeschafft gilt, -ko somit eine extravagante bzw. opake Endung geworden ist und einfach wie div. Neologismen und Fremdwörter gar nicht dekliniert wird (oder nicht dekliniert wird, wenn mit einem „weiblich“ zu deklinierenden Nachnamen eine männliche Person verbunden ist – umgekehrt müssen z.B. männliche Funktionsbezeichnungen wie „kancelarz“ undekliniert bleiben, wenn sie sich auf Frauen beziehen).

  3. :-) J. sagt:

    Was ich jedenfalls noch ganz sicher weiß: Die Russen deklinieren ukrainische Nachnamen auf -ko nicht. Unser Beispiel war immer Wladimir Wladimirowitsch Klitschko.

  4. Juliane sagt:

    Armer Vitali… in der Grammatikübung nur zweite Wahl. 😉
    Gab’s dafür eine Begründung? Ist das durch die Endung irgendeine undeklinierbare Wortart (wie z.B. Adverb)???

  5. :-) J. sagt:

    Da es im Russischen keinen Namen auf -ko gibt, werden sie wohl kein passendes Paradigma gefunden haben. Schließlich gibt es für Namen im Russischen eigene Deklinationsmuster, die sich von jenen der Nichtnamen mit selber Endung unterscheiden (und nicht nur bzl. Belebtheit).

    Hier die Lösung laut Informanten:
    Die richtige Version ist: Szyszko-Bohusza.
    Wenn die Namen aus zwei Teilen bestehen und der erste Teil auf -o endet, wird der erste Teil nicht dekliniert (z.B. auch: Horno-Popławskiego).
    Der erste Teil wird auch nicht dekliniert, wenn er ein Spitzname oder ein Wappennamen ist. (z.B. Pobóg-Malinowskiego).
    Steht der Name Szyszko alleine da, wird er dekliniert, dann wäre die korrekte Beugung Szyszki. Heute wird aber auch Szyszko, wenn es alleine dasteht, nicht gern dekliniert (also wie im Russischen).

  6. Juliane sagt:

    Tja, die Kompliziertheit slawischer Deklinationssysteme scheint mit jedem Schritt Richtung Osten zuzunehmen… 😉

    Tusen takk für die (übersetzten) Infos – also tatsächlich so ähnlich, wie ich nach nochmaligem Nachdenken vermutet hatte (nur dass man zusätzlich auch noch wissen muss welche Namen „Wappennamen“ sind – yeah). Keine Ahnung also, was den Schreiberling des ersten Schildes dann geritten hat… vielleicht zuviel Chr. Morgenstern gelesen („Der Wer-Wolf“)… ^^

  7. derHase1 sagt:

    Hm, seltsam, aber dein Blog hat gesagt „mag nicht“ und mein Kommentar geschluckt. Es war natürlich nicht besonders hilfreich zur Genetiv-Frage und ansonsten auch nur jede Menge Info über das hiesige Wetter sowie Dank für die frühlingshaften Fotos, die frühlingshafter sind, als alles, was ich derzeit hier in Bfurt so sehe. Aber dennoch komme ich mir irgendwie zensuriert vor…. Ob das ein Fall für Sherlock Big B ist?

  8. Juliane sagt:

    Die Zensur durch WordPress im Internetzeitalter… ideale Kombi mit dig.Lit. … bring ihn bloß nicht auf Ideen! 😀
    Kann mir leider überhaupt nicht vorstellen, wo dein Kommentar hingekommen ist, normalerweise schickt WP E-Mails wenn was im Spam landet, diesmal weder E-Mail noch Kommentar im Spamordner zu finden. WP, I’m watching you…

    Schwaches Trostangebot: Ich werde über Ostern nach Zakopane fahren, wo es dank Höhenlage garantiert noch weniger frühlingshaft als in B’furt ist…

  9. […] Juliane zu Auf der Suche nach dem Fr… […]

  10. :) sagt:

    Zum Thema Öffis hab ich auch die eine oder andere Anekdote: Hier in Santiago fahren viele (viele, viele, wirklich viele) Busse und meistens recht pünktlich. Ganz einfach ist ihre Benutzung dennoch nicht. Zum einen gibt es mehrere Haltestellen mit demselben Namen, die Haltestellen haben aber verschiedene Nummern und gehen manchmal ums Eck oder werden zu bestimmten Tageszeiten nicht angesteuert. Deshalb muss man schon genau schauen, wo man einsteigen muss, sonst kanns sein, dass man an der Haltestelle sitzt und der Bus kummt net, kummt net….

    Wenn man dann mal drin ist (mit Bipkarten-System, ähnlich wie in London, kann man aber sinnigerweise nur in der Ubahn kaufen und in Geschäften, die völlig willkürlich in der Gegend verteilt sind), muss man meistens stehen, Plätze gibt es nämlich fast keine. Die Busse rasen dann ziemlich in der Stadt herum und man wird ordentlich durchgebeutelt, weil die Straßen sind holprig und löchrig und überhaupt recht wild. Wer aussteigen will, muss den Knopf drücken. Das klingt einfach, isses aber nicht, denn es werden weder die Stationen angesagt, noch kann man sie an den paradas ablesen, weil die teilweise übersprayt, sonstwie beschädigit oder einfach unbenamst sind. Haltestellen zählen (bitte vorher via Internet, weil Pläne gibt es nicht an den Haltestellen) funktioniert nur bedingt, weil nicht alle angefahren werden, auch, wenn mal wer dort wartet und winkt.

    Die Busse selbst sind auch immer für ein Abenteuer gut. Mal fährt einer mit hochgeklappter Windschutzscheibe, mal drängt ein Bus den anderen so ab, dass der (mit mir an Bord) nur ganz knapp vor dem nächsten Baum bremsen kann. Wieder einem anderen wurde während der Fahrt das Seitenfenster eingehauen (das, an dem ich stehe) – die ganzen Splitter im Bus und bei jeder Bodenwelle werden es mehr. Die Busfahrer bleiben da allerdings cool: schnell ein Schild geholt und den Rest des Fensters auf die Straße gedrückt; weiter gehts. 🙂

    Und auch für Unterhaltung ist gesorgt. Gefühlt an jeder Station steigt ein Zauberkünstler, ein Dichter, Musiker oder ein Verkäufer für Socken, Sandwiches und Eis (helado, helado, heladoooooo!), Schokolade oder sonstwas ein.

    Fad ist mir am Weg zur Uni also wirklich nicht. 🙂

  11. Juliane sagt:

    Hui – ja, das sind schon ein bisserl aufregendere Dinge als eine halbe Stunde auf den nächsten Bus warten müssen, weil einem die Online-Fahrplanauskunft nicht deutlich gemacht hat, dass man zum vorhergehenden hätte sprinten müssen. ^^ Ich fürchte ja, mir wäre so manches von dir Geschilderte zuuu aufregend… das mit der Seitenscheibe klingt echt arg, und die Vollbremsung mit Aussicht auf den Baum auch… gruselwusel. Ich bewundere deinen offensichtlichen Stoizismus!
    In Krakau fahren dagegen z.B. die Straßenbahnen recht langsam, und manchmal halten die Fahrer vor einem Zebrastreifen extra an, um Leute rübergehen zu lassen. Das hab ich am Anfang überhaupt nicht gerafft, dass eine Straßenbahn für mich stehenbleibt… aus Wien kenn ich ja eher, dass man schon „warnend“ niedergebimmelt wird, wenn man entfernt den Verdacht erregt, im kommenden Jahrzehnt irgendwann vom Gehsteig steigen zu wollen. 😉

  12. :) sagt:

    Danke, sehr lieb. 🙂 Letztens hatte ich einen Tag keinen Strom, weil der halbe Sicherungskasten ob der höchst fragwürdigen Verkabelung verschmurgelt war (ein Glück hat es nicht gebrannt!). Da wars mit meiner Coolness dann allerdings auch vorbei. 😉

  13. Juliane sagt:

    Kann ich sehr gut verstehen – und drücke dir die Daumen, dass es weniger gefährlich weitergeht!!!
    Meiner mittlerweile ausgezogenen Mitbewohnerin No. 1 ist ungefähr eine Woche vor ihrem Auszug Öl in der Pfanne brennend geworden, aber sie hat’s zum Glück genauso schnell wieder ausmachen können… auf den Adrenalinschub durch ihren Ruf „Feuer!“ hätte ich aber gut verzichten können… 😉

  14. :) sagt:

    Oje, das kann ich gut nachfühlen! 😦
    Wie lange bist du eigentlich noch in Polen? Übrigens ist der Herbst hier super: immer so um die 25-30 Grad, Sonnenschein. Herrlich. 😀

  15. Juliane sagt:

    Ich bin auf jeden Fall bis Ende Juni in Polen, eventuell bis Mitte Juli. Mal schauen, was sich an innerpolnischen Reiseplänen bzw. Besuchswünschen noch herauskristallisiert. 🙂

    Bis zu 25 Grad und Sonnenschein dauert es hierzuhemisphärs wohl noch ein bisschen… ^^ obwohl es immerhin in Krakau in den nächsten Tagen wieder frühlingshaft(er) werden soll.

  16. […] interessantesten war für euch offenbar der Beitrag Auf der Suche nach dem Frühling, der am öftesten als Einzelartikel angeklickt wurde, und laut WordPressens “Insights” […]

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