Im Lande der Góralinn_en

Veröffentlicht: 2. April 2015 in Allgemein
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Schon länger hatte ich im Hinterkopf die Idee herumspuken, dass ich Ostern nicht in Krakau verbringen werde (die Fahrt nach Österreich habe ich allerdings bereits noch früher als insgesamt zu stressig verworfen). Vor knapp zwei Wochen habe ich mich in einem vielleicht etwas verwegenen Schachzug entschieden, nach Zakopane zu fahren. Ja, DAS Zakopane – trotz meiner enden wollenden Begeisterung für TV-übertragenen Wintersport (wobei ich immerhin die nordischen Bewerbe meistens noch eine Spur interessanter finde als die alpinen) fahre ich also mit meiner unbeabsichtigen Europatour der Schisprungschanzen(-orte) fort…

Anfang April nach Zakopane zu fahren bedeutet: Zurück in die Zukunft, Winter olé – aber nachdem es heuer überall nördlich der Alpen nicht gerade frühlingshafte Ostern zu geben verspricht, ist das eher ein schrulliges Detail am Rande. Und mir ist „echter“ Winter mit Schnee und dem Wissen, wozu ich den Wintermantel und die Wollstrumpfhosen wieder ausmotte, jedenfalls für ein paar Tage sogar sehr sympathisch im Vergleich zu diesem Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Wetter in Krakau derzeit – wo man mit Sonnenschein zum Hinausgehen geködert wird, um dann frierend im Wind und eventuellen Nieselregen zu stehen.

Der Frühling gibt auch auf rund 900 Metern Seehöhe noch nicht auf: Frühlingsknotenblumen in Zakopane.

Der Frühling gibt auch auf rund 900 Metern Seehöhe noch nicht auf: Frühlingsknotenblumen in Zakopane.

Zakopane ist so auf die ersten Blicke sehr unaufgeregt (jedenfalls abseits der Schisprungwettbewerbe und/oder Schitourismushochsaison), überschaubar, angenehm bergig (mein Orientierungszentrum funktioniert an der Nordseite einer Gebirgskette quasi spontan) und, insbesondere dort wo mein Privatzimmer liegt, genial tote Hose. Keine Leute, fast schon Waldeinsamkeit, und trotzdem der nächste Supermarkt nur 10-12 Gehminuten entfernt. Außerdem besteht Zakopane zu ca. 90% aus Häusern mit Privatzimmern; die restlichen 10% sind Hotels und Jugendherbergen.

Blick aus meinem Fenster um 17 Uhr...

Blick aus meinem Fenster um 17 Uhr…

...und eineinhalb Stunden sowie einmal Schneefall später.

…und eineinhalb Stunden sowie einmal Schneefall später.

Beinahe unnötig zu erwähnen, dass ich gegenwärtig in meiner Pension der einzige Pensionsgast bin – wenn auch nicht die einzige Nicht-Polin auf weiter Flur, so ist etwa im Bus von Krakau hierher gegenüber und hinter mir eine Gruppe spanischsprechender Hyperaktiver Anfang 20 gesessen (bzw. mehr oder minder gesessen) und auf der „Hauptstraße“, der ul. Krupówki, trieben sich u.a. französischsprachige Schüler_innen herum. Mit dem Bus hatte ich übrigens das Glück, von der Dame am Ticketschalter ein Ticket für jenen Betreiber verkauft zu bekommen, der mir zwar nicht im Vorfeld explizit empfohlen wurde, aber – wie sich an Ort und Stelle klar herauskristallisiert hat – die mir genehmeren Busse hat, nämlich ca. 50-Sitzer (mein Bus war fast halbleer, so dass ich mich auf zwei Sitzen ausbreiten konnte) – und nicht schnuckelige „halbe“ Busse mit ca. 25 Sitzplätzen wie die Konkurrenz. Danke, ich war schon dran…

Góralen (Hinterglasbild in meinem Pensionszimmer)

Góralen (Hinterglasbild in meinem Pensionszimmer)

Bleiben zum Abschluss noch kurz die Góralinn_en aus dem Titel zu erklären: Es handelt sich ursprünglich um Zuwanderer_innen vom Balkan, die Zakopane im 16. Jahrhundert gründeten, und bis ins 19. Jahrhundert mehr oder minder ungestört ihre urwüchsigen Holzhäuser bauten. Dann entdeckten Ärzt_innen und Sommerfrischler_innen (Höhenluft!) als Proto-Tourist_innen den Ort, später kamen Wintersportler_innen dazu – sowie um 1900 die Bohème, allen voran ein Architekt namens Stanisław Witkiewicz (ich hab’s in diesem Blog in letzter Zeit mit Architekten…), der die góralische Architektur mit Jugendstilelementen aufhübschte bzw. verfremdete und so den an Sockeln, Balkonen und Dekor reichen Zakopane-Stil schuf. Didn’t know that yesterday, eh? 🙂

Ein Beispiel für den "Zakopane-Stil" aus dem Jahr 1902...

Ein Beispiel für den „Zakopane-Stil“ aus dem Jahr 1902…

...sowie eines ungeklärten Datums. Kann man gerade kaufen, muss man aber nicht.

…sowie eines ungeklärten Datums. Kann man übrigens gegenwärtig kaufen, muss man aber nicht.

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Kommentare
  1. :-) J. sagt:

    Das Wetter hier ist wirklich ähhhm, aprilmäßig… War heute draußen und habe nach 10 Minuten beschlossen, wieder umzudrehen. Und mich kann normalerweise kein Wetter abschrecken.

    PS: Muss lachen zur „unbeabsichtigten Europatour der Schisprungschanzen(-orte)“! Man könnte aufs erste denken, du wärst der volle Skisprungfreak.

  2. derHase1 sagt:

    Danke für die Einführung zum Thema „Zakopane-Stil“ – fällt unter die Kategorie „Dinge, von denen man nie wußte, dass man sie wissen will, da man gar nicht wußte, dass sie existieren“ – ich finde Stories über indogene Grüppchen, Einwanderer und sonstige „Zellen“ immer sehr interessant.

    Ansonsten: „Welcome to Zakopane“, und wieder mal Danke für die Fotos! Falls Interesse besteht: Hier soll das Wetter jetzt angeblich doch nicht so schlecht werden – allerdings kann ich noch keinerlei Wetterbesserung feststellen. Was vielleicht eh schon das „nicht so schlecht werden ist“….

  3. Juliane sagt:

    @ J.: Hihi, ja, nächster Halt Garmisch-Partenkirchen… ^^

    @ Hase: Nach meinem Doch-noch-Besuch im (eh kleinen) Heimatmuseum find ich’s außerdem sehr spannend, dass das Hinterglasmalen echt typisch sein dürfte, außerdem gehört offenbar der Dudelsack zu den traditionellen Instrumenten der Region. Sprich, über 800 m Seehöhe fällt den Leuten wohl irgendwie immer wieder ähnlicher „Blödsinn“ ein… (Sandl; schottische Highlands). 😉
    Hier „schneibalts“ schon den ganzen Tag, die gesamte Familie meiner Vermieterin war im Lauf der Zeit zum Schneeschaufeln draußen (morgens der Opa, dann die Kinder, dann die Vermieterin selbst…).

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