Lingua franca

Veröffentlicht: 16. April 2015 in Allgemein
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Mit dem Text unverbundenes Krakau-Foto (Blick vom Kościuszko-Hügel).

Mit dem Text unverbundenes Krakau-Foto (Blick vom Kościuszko-Hügel).

 

Die (nicht überall ganz so „franke“) Sprache Englisch ist, wie ich an anderer Stelle schon kurz angemerkt habe, gegenwärtig – und wohl noch für ein paar Jährchen oder Jahrzehntchen – „die“ Fremdsprache schlechthin. Ich mag Englisch, sowohl als Sprache an sich, als auch weil es praktisch ist, wenn man unterwegs ist (oder auch, so wie ich gerade, länger an einem Ort ist, dessen Sprache man nicht oder nicht wirklich beherrscht).

Gleichzeitig hat Englisch, gerade wegen seiner (teilweise eben: vermeintlichen) Universalität, auch ein  Potential zum Hemmschuh. Wie man nicht nur beim DaF/DaZ-Studium immer wieder als durchaus plausible These hören, sondern nicht zuletzt an sich selbst beobachten kann, sinkt die Bereitschaft oder vielleicht viel mehr die Dringlichkeit, eine weitere Fremdsprache (auf hohem Niveau) zu lernen, wenn man erst einmal die „ohnehin viel weiter verbreitete“ englische Sprache halbwegs gut gemeistert hat. Gerade wenn man sich in den jungen, urbanen, bildungsbürgerlichen Schichten verschiedener Länder bewegt, ist es meist viel einfacher und praktischer ins Englische zu verfallen, als sich mit der üblicherweise viel schlechter beherrschten Sprache des oder der jeweils anderen zu „plagen“. Doch immerhin gibt es im privaten oder semi-privaten Rahmen so etwas wie eine Aushandlungsmöglichkeit – die Möglichkeit, zu sagen: Ich übe jetzt gerade „deine“ Sprache, „please bear with me“ and unterstütze mich dabei, nicht den Weg übers Englische gehen zu müssen.

In sozusagen öffentlichen Situationen, in Geschäften und Restaurants, kann es da schon schwieriger sein – aus manchmal wohl falsch verstandener Hilfsbereitschaft wechselt man mitunter gegenüber Kund_innen, die die Umgebungssprache augenscheinlich nur mühsam und stückweise herausbringen, ins Englische. Das kann einerseits zu einem gewissen Frust führen (z.B.: meine Mitbewohnerin No. 1 wollte in ihrem letzten Monat hier, in dem sie einen Polnisch-Intensivkurs besuchte, unbedingt alles auf Polnisch bestellen, wurde aber oft genug nach dem ersten Satz sofort auf Englisch weiter bedient), andererseits erst recht die Kommunikation ins Stocken bringen, wenn etwa das Gegenüber Englisch gar nicht oder jedenfalls schlechter beherrscht als die aktuelle Umgebungssprache.

Was mir insbesondere auffällt, ist, dass die Momente des metasprachlichen Aushandelns (zunehmend?) fehlen: Englisch wird – gerade von der erwähnten jung-urbanen Schicht – oft mehr oder minder vorausgesetzt, und gleichzeitig wird vorausgesetzt, dass man sowieso keine andere (gemeinsame) Sprache finden würde, die beide Gesprächspartner_innen besser beherrschen als Englisch. Ich nehme mich da selbst nicht aus, auch ich frage im nicht-deutschsprachigen Ausland (etwa an Museumskassen, oder – wie mir im Nachhinein aufgefallen ist – bei meiner Quartiergeberin in Zakopane) eigentlich nie nach Deutschkenntnissen meiner Gegenüber und bin teilweise so perplex bzw. so stark auf Englisch eingestellt, dass ich nicht einmal ordentlich reagieren kann, wenn dann jemand, etwa nach Ansicht meines Studierendenausweises oder Reisepasses, tatsächlich seine oder ihre – teils beachtlichen –  Deutschreserven zusammenkratzt (so etwa in Oberitalien in zwei erinnerungswürdigen Situationen passiert).

Mein persönliches Gefühl ist allerdings sehr oft, dass das aktive „Einfordern“ von Deutsch gerade in den Nachbarländern oder auch in typischen Urlaubsdestinationen Deutschsprachiger anmaßend und sprachkolonialistisch wirken könnte, weshalb ich es dann eben lieber unterlasse. Aus eigener Arbeitserfahrung kann ich allerdings auch sagen: Es hilft wohl allen Beteiligten, wenn die Mitarbeiter_innen an international besuchten Kassen/Rezeptionen/Messeständen Anstecker o.ä. tragen, die schnell und unbürokratisch zeigen, welche Sprachen sie sprechen, auch wenn man sich damit am Anfang möglicherweise etwas affig vorkommt. Sonst geht’s einem womöglich noch so, wie einer Arbeitskollegin einmal, die mit einer Kundin zwei Sprachwechsel (von Englisch zu Deutsch und von Deutsch zu Polnisch) brauchte, um bei ihrer gemeinsamen Erstsprache anzukommen… 😉

 

 

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Kommentare
  1. :-) J. sagt:

    Ich empfände es auch als unangenehm, in diversen Nachbarländern und überhaupt Ländern ein Gespräch auf Deutsch zu beginnen, auch wenn man davon ausgehen kann, dass das Gegenüber Deutsch kann oder halbkann. Ganz anders meine Eltern: Die finden es immer super, wenn jemand im benachbarten Ausland (weiter kommen sie eh nicht;) sogar Deutsch kann und nutzen das dann auch gerne. Sie haben auch keine Hemmungen, gleich mal auf Deutsch zu beginnen.

  2. derHase1 sagt:

    Ich als Qua-Englisch-Muttersprachlerin habe auch so meine Probleme mit der englischen Sprache. Früher dachte ich tatsächlich, dass alle Menschen gut bis sehr gut Englisch sprechen, nur um dann zu erleben, dass meine walisische Freundin nach der Matura nach Österreich zog, kein Deutsch konnte und fast niemand imstande war, sich mit ihr auch nur einigermaßen flüssig auf Englisch zu unterhalten. Das sind dann aber genau diejenigen Leute, die geringschätzig meinen: „Ach, Englisch spricht doch wirklich JEDER.“ Die „JEDER“ hab ich noch nicht gefunden, aber vielleicht verstecken sie sich ja irgendwo. Und einfache Dinge des täglichen Lebens im Ausland in „Lingua Franca“ zu artikulieren, wie „Ich hätte gerne ein Schnitzel“ oder „Wo komme ich hier zur U-Bahn“ hat noch lange nichts mit fließend sprechen zu tun – was ich wie erwähnt in meiner Einfalt immer geglaubt hatte, dass alle tun, weil dir ja alle versichern, dass Englisch wirkich JEDER spricht. Auch auf der Uni war es übrigens nicht viel besser, und selbst wenn die Leutchen Fachliteratur nach einigen Semestern halbwegs lesen und verstehen konnte, konnten sie trotzdem nicht sprechen (obwohl: siehe oben, aber ich wiederhole mich).

    Dass Deutsch in manchen Ländern sprachkolonialistisch wirken könnte, ist eine Sorge, die ich absolut mit dir teile (siehe meine Erlebnisse auf dem Weg nach Prag, usw). Und dass es tatsächlich ein Problem ist, wenn man Englisch gut kann, sehe ich an mir selbst, weil ich mich nie aufraffen konnte, eine weitere Fremdsprache richtig gut zu lernen. Und was auch der Grund ist, warum die meisten englischsprachen Personen kaum flüssig in weiteren Spachen anzutreffen sind, denn, wie meine nach Australien entschwundene Freundin Anny meinte: „Why should we? The whole world understands what I say, and if they don´t they at least pretend.“

    Und auch meine finnische Bekannte Lena hatte meist nur mit Englisch zu tun und war sogar mit einem Amerikaner verheiratet, weshalb sie sich weigerte, ihr Schulschwedisch zu sprechen und auch ihr fast schon wieder verlerntes Deusch, Holländisch und Französisch auszupacken. Was in einem multilingualen Land wie Finnland immer negativ angekommen ist, denn andere Finnen (selbst alle 5- oder 6sprachig) haben mir augenrollend erzählt: „Leena weigert sie andere Sprachen zu sprechen als Englisch und Finnisch.“ Und das kam in Finnland gar nicht gut….

  3. Juliane sagt:

    @ J.: Das mit „keine Hemmungen, gleich mal auf Deutsch zu beginnen“, kommt mir vage bekannt vor. ^^ Wobei immer die Frage ist, ob das Deutsch, das der- oder diejenige spricht, dann auch verstanden wird – mein Opa z.B. hat sich laut eigener Aussage im äußersten Norden Deutschlands (!) dann auf Englisch verständigt, weil ihm im Bereich des Sprechens die schriftnahe Ebene auf Deutsch fast komplett fehlt, und es irgendwo dann doch eine Grenze gibt, nördlich derer bairische Dialekte auch rezeptiv nicht mehr beherrscht werden…

    @ Hase: „…and if they don’t they at least pretend“ finde ich sehr treffend. 😉 Kleine Anekdote dazu: Ein gewisser F. D. hat letztens behauptet, er würde sich in Krakau schon verständigen können, indem er Deutsch und sein Gegenüber Englisch spricht. Ich hätte allerdings von diesen Englischkenntnissen bisher nichts mitbekommen bzw. wurden jegliche Englischkenntnisse bisher immer in Abrede gestellt (und dass jeder, der Englisch gelernt hat, auch gleich Deutsch versteht, wäre, wenn es wahr wäre, für mich an der Uni natürlich die Frohbotschaft des Jahrtausends – oder auch nicht, denn dann wäre ich meinen Job los *ggg*).

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