Warsaw calling

Veröffentlicht: 23. April 2015 in Allgemein
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VLUU L310 W  / Samsung L310 W Ich bin gerade ein bisschen hinten nach im Blog, und meinen Beitragsschnitt aus dem März (14 Beiträge in 31 Tagen) werde ich im April wohl auch nicht ganz schaffen, und nicht nur, weil der April keine 31 Tage hat. Aber egal, hier bin ich wieder und zwar mit dem manchen schon auf anderen Kommunikationswegen versprochenen Bericht über meinen Kurztrip nach Warschau. Wobei „meinen Kurztrip“ zu spezifizieren ist – einerseits war es nicht nur meiner, sondern auch der meiner Mama, andererseits war der Aufenthalt von Freitag bis Sonntag natürlich nicht lange, der Trip, d.h. die Fahrt an sich, aber durchaus nicht ganz so kurz, wie sie hätte sein können – wir fuhren nämlich statt mit dem Zug mit dem Bus, weil Polskibus ein unschlagbares (bzw. nur von Polskibussens eigenen Folgeaktionen schlagbares) Angebot von 5 Zloty (1,25 Euro) pro Person und Fahrt hatte. Fahrtdauer dafür, u.a. weil Zwischenstopps in Kielce und Radom gemacht werden, fünf Stunden, bei der Hinfahrt fast eine Stunde länger, weil es vor dem Warschauer Flughafen relativ gewaltig staute. Schließlich glücklich in der Stadt angekommen, die die Sirene im Wappen trägt (s. Foto eines Laternenmasts links oben), fuhren wir fast eine weitere Stunde mit U-Bahn und Bus bis zu unserem Quartier. Womit eines schon einmal feststand: Warschau ist wohl doch einen Tick größer als Krakau… (um genau zu sein, hat Warschau etwa so viele Einwohner_innen wie Wien – etwas über 1,7 Mio. – während Krakau bei weniger als der Hälfte – rund 750.000 – hält).

(A propos Sirene im Wappen: Die schwertschwingende Warschauer Sirene gilt der Legende nach als die kämpferische Zwillingsschwester der Kopenhagener Meerjungfrau. DAS wäre ein doch etwas anderes Andersen-Märchen geworden…).

Warschau und Krakau – die beiden Städte schenken sich generell wenig, das kann man schon in Krakau mitbekommen, wo wir etwa am Ende einer Free Walking Tour den „wichtigsten polnischen Satz“ gelernt haben – „Nie lubię Warszawę“ (Ich mag Warschau nicht) – natürlich augenzwinkernd, aber doch mit wahrem Kern (in dieser Richtung der alten Hassliebe beruht das historisch betrachtet vor allem darauf, dass Warschau Ende des 16. Jahrhunderts Krakau den Status als Hauptstadt Polens weggeschnappt hat, weil Sigismund III. Wasa seinen Regierungssitz rund 300 km näher an sein heimatliches Schweden gelegt hat – die Dankbarkeit Warschaus für diese Aufwertung zur Hauptstadt ist etwa in der Sigismundsäule auf dem Warschauer Schlossplatz gut sichtbar abgebildet).

Ähnlich in Warschau, wo zwar die wichtigste Flaniermeile „Krakauer Vorstadt“ (Krakowskie Przedmieście) heißt, aber ansonsten doch nicht ganz verwunden ist, dass Krakau (als laut Nazi-Ideologie „urdeutsche Stadt“) während des Zweiten Weltkrieges weitgehend unverwüstet blieb, während in Warschau 85% der Gebäude (in der Alt- und Neustadt über 90%) systematisch von den Nazis dem Erdboben gleichgemacht wurden (in den jüdischen Wohnbezirken Muranów und Mirów, die zuletzt das Warschauer Ghetto bildeten, schon nach dem Warschauer Ghettoaufstand 1943, im Rest der Stadt nach dem Warschauer Aufstand vom August 1944). Umso beeindruckender das Faktum, dass von dieser Zerstörung heute nur noch wenig zu merken ist – innerhalb einer Rekordzeit von rund sieben Jahren wurde insbesondere die Warschauer Altstadt historisch getreu wieder aufgebaut, basierend auf Fotografien, Erinnerungen und vor allem den Veduten Canalettos aus dem 18. Jahrhundert. Das war, was mich letztlich für eine Fahrt nach Warschau „wirklich“ motiviert hat – dieser schier unglaubliche, detailgetreue, gewiss enorm mühsame rekonstruierende Wiederaufbau (nicht zuletzt deswegen mühsam, weil die sowjetische Besatzungs- und dann Hegemonialmacht davon nichts wissen wollte und der Wiederaufbau in großen Teilen von Warschauer Bürger_innen mit eigener Hand in ihrer Freizeit geleistet wurde).

DSC_0275Wenn man also nur wenig Zeit für eine Stadt dieser Größe hat (sowie für einen Tag – den Sonntag, der mit der Busabfahrt um 16 Uhr eher ein halber Tag war – schon fix etwas eingeplant hat – dazu mehr in einem weiteren Blogeintrag), dann schadet ein Überblick durch eine fachkundige Person gewiss nicht. Diesen Überblick fanden wir in der rund zweieinhalbstündigen „Old Town Tour“ der – auch in Warschau bestehenden – Free Walking Tours. Kurzweilig und kompetent verstand es unser Guide Przemysław (oder, wie ihn die polnischunfähigen Tourist_innen nennen dürfen, „Pse“), eine Gruppe von 30 bis 35 Personen trotz ungemütlichen Wetters bei Laune (und bei der Stange) zu halten – daher gilt auch in dieser Stadt für die Free Walking Tours: Prädikat empfehlenswert. Ungemütliches Wetter ist leider ein über dem gesamten Warschau-Wochenende schwebendes Stichwort, es war kalt und windig, teilweise regnerisch – vor allem aber kalt, kalt und nochmals kalt, insbesondere: kälter als erwartet (oder erhofft). Da ich sonst mangels mitgebrachter wärmerer Kleidung eigentlich keine Möglichkeiten hatte, mich „zwiebelschalenmäßig“ aufzupeppen, habe ich am Sonntag dann schließlich zwei T-Shirts übereinander angezogen (unter Weste und Frühlingsjacke). Besser, aber nicht ideal… merke: Always know where your Wintermantel is… oder so.

Zum Abschluss dieses ersten Teils meines Warschau-Berichts noch ein paar Impressionen, die nicht alle in den Reiseführern zu finden sind:

"Pegásen" ((c) M.L.)  vor dem Palais Krasiński, einem ebenfalls nach einer Canaletto-Ansicht wieder aufgebauten Barockschloss, das heute einen Teil der Nationalbibliothek beinhaltet

„Pegásen“ ((c) M.L.) vor dem Palais Krasiński, einem ebenfalls nach einer Canaletto-Ansicht wieder aufgebauten Barockschloss, das heute einen Teil der Nationalbibliothek beinhaltet.

Ein zutraulicher Enterich im Łazienki-Park. Es gibt auf meiner Speicherkarte mutmaßlich mehr Fotos von ihm als vom Rest Warschaus zusammen. (Und ja, ich weiß, dass der terminus technicus "Erpel" lautet).

Ein zutraulicher Enterich im Łazienki-Park. Es gibt auf meiner Speicherkarte mutmaßlich mehr Fotos von ihm als vom Rest Warschaus zusammen. (Und ja, ich weiß, dass der terminus technicus „Erpel“ lautet).

Der Kulturpalast, ein wunderschiarches Beispiel realsozialistischen Architekturgeschmacks. Heute von geschmackvollen U-Bahn-Eingängen und nicht minder geschmackvollen neuen Hochhäusern umgeben.

Der Kulturpalast, ein wunderschiarches Beispiel realsozialistischen Architekturgeschmacks. Heute von selbstverständlich höchst geschmackvollen U-Bahn-Eingängen und nicht minder geschmackvollen neuen Hochhäusern umgeben.

Sage keiner, dass in Polen nicht ordentlich recyclet wird.

Sage keiner, dass in Polen nicht ordentlich recyclet wird.

Abschließender Beweis, dass die Schweizer_innen überall hinkommen... ;)

Tourismus-Werbung auf dem Schlossplatz: Abschließender Beweis, dass die Schweizer_innen überall hinkommen… 😉

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Kommentare
  1. derHase1 sagt:

    Danke für den sehr interessanten 1. Teil! Ich vermute mal, dass die Kälte, Kälte, Kälte doch leider etwas auf den Enthusiasmus gedrückt hat, weshalb ich auf Sightseeing meistens rumrenne wie eine Südafrikaner auf Alaska-Urlaub, meistens viel zu warm angezogen, aber Panik davor, dass mir zu kalt sein könnte….

    Diese Free Walking Tours scheinen ja tatsächlich was zu können, da werde ich künftig, wenn ich irgendwohin fahre, auch Augen und Ohren danach offen halten. Der Enterich ist übrigens ganz herzig, und ich kann gut verstehen, dass du seeehr viele Fotos von ihm machen mußtest. Übrigens: Generellen Dank für die Fotos! Freu mich schon auf den 2. Warschau-Teil.

  2. Juliane sagt:

    Freut mich wenn es dir gefällt! 🙂 Ich hab mich leider bezüglich Kleidung wirklich verhaut bzw. aufgrund des sehr sonnigen vorhergehenden Wochenendes reinreiten lassen, mit seeehr leichtem Gepäck zu reisen, et voilà, Frieren war angesagt… werde also in Zukunft wohl auch einen auf Alaska-Urlaub machen… *ggg*

  3. […] Warschauer Königsschloss (Zamek Królewski w Warszawie) war, wie der größte Teil der Warschauer Innenstadt, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von den Nazis systematisch zerstört worden. Anders als der […]

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