72. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes und POLIN

Veröffentlicht: 25. April 2015 in Allgemein
Schlagwörter:, , ,

Hear, O German God,
The squatter-house Jews at prayers,
Clutching a crowbar or a scrap of wood.
We ask you, God, for a bloody battle,
We beg you for a violent death.
Spare us, before we die, the sight
Of slow-receding rails,
Give us, O Lord, a steady hand
To stain their bluish tunics with blood,
And let us see, before mute groan
Chokes our throats,
In their haughty hands, their whip-swinging paws
Our common, human fright.

Władysław Szlengel, Kontratak (1943), engl. Übersetzung von Tadeusz K. Gierymski

Lageplan des Warschauer Ghettos auf einer Erinnerungsstele. Das in der Mitte sichtbare 'Loch' zwischen dem sog. Großen und Kleinen Ghetto wurde von einer Fußgängerbrücke überspannt, die zur "jüdischen Seufzerbrücke" wurde: Dem einzigen Platz, wo man auf die Welt außerhalb des Ghettos sehen konnte.

Lageplan des Warschauer Ghettos auf einer Erinnerungsstele. Das in der Mitte sichtbare ‚Loch‘ zwischen dem sog. Großen und Kleinen Ghetto wurde von einer Fußgängerbrücke überspannt, die zur „jüdischen Seufzerbrücke“ wurde: Dem einzigen Platz, wo man auf die Welt außerhalb des Ghettos sehen konnte.

Das ausschnittweise zitierte Gedicht „Kontratak“ (Konterattacke) schrieb Szlengel im Jänner 1943 im Warschauer Jüdischen Ghetto, nachdem sich dort erstmals jüdische Kämpfer_innen den Nazis entgegengestellt hatten, als diese Kinder abtransportieren wollten. Dies wurde zu einem wegweisenden Ereignis für den verzweifelten Aufstand im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 begann, dem Tag, an dem das Warschauer Ghetto „liquidiert“ werden sollte – so, wie das Krakauer Ghetto rund einen Monat davor.

Das „Lied der jüdischen Partisanen“ mit dem Titel „Zog nit keyn mol“ wurde von Hirsch Glick im Wilnaer Ghetto in Reaktion auf den Warschauer Ghettoaufstand geschrieben.

Der Kampf der schlecht ausgerüsteten, ausgehungerten Jüdinnen und Juden gegen eine das Ghetto von allen Seiten umschließende nationalsozialistische militärische und paramilitärische Übermacht dauerte einen knappen Monat – am 16. Mai meldeten die zuständigen SS-Kommandanten nach Berlin: „Das Warschauer Ghetto existiert nicht mehr“ – im vollkommen wörtlichen Sinn: Haus für Haus waren gesprengt worden, zuletzt in einer ideologisch aufgeladenen Inszenierung die Große Synagoge.

Hier verlief die Ghettomauer zwischen 1940 und 1943.

Hier verlief die Ghettomauer zwischen 1940 und 1943.

Nur wenige der jüdischen Kämpfer_innen und Zivilist_innen konnten durch die Kanalisation entkommen – unter ihnen der junge Marek Edelman, zuerst Subkommandant und (nach dem kollektiven Selbstmord eingeschlossener Anführer_innen am 8. Mai) letzter Kommandant des Aufstandes. Edelman blieb nach dem Krieg trotz neuerlicher antisemitischer Vorfälle in Polen – „irgendjemand musste schließlich bei all den Umgekommenen bleiben“ – und starb 2009 im Alter von 90 Jahren. Bis zu seinem Tod erhielt er jedes Jahr am 19. April von einer unbekannten Person gelbe Märzenbecher, die er am Denkmal der Warschauer Ghettoheld_innen niederlegte. In Erinnerung an diese Geste verteilen heutzutage jeden 19. April Freiwillige in ganz Warschau kleine gelbe Papierblumen, die man als Zeichen der Erinnerung an der Kleidung trägt.

"Mein" gelbes Papierblümchen.

„Mein“ gelbes Papierblümchen.

Doch es gibt in Warschau nicht nur dieses schreckliche Kapitel der jüdischen Geschichte zu entdecken, sondern insbesondere seit 2013 viel, viel mehr – in diesem Jahr eröffnete nämlich das POLIN, das Museum der Geschichte der polnischen Juden, mit einer Daueraustellung über 1000 Jahre jüdischer Geschichte in Polen (bzw. teilweise ganz Mitteleuropa). „Polin“ bedeutet auf Hebräisch „Bleib hier“, gleichzeitig ist es die hebräische Bezeichnung für das Land Polen.

Das Denkmal der Ghettoheld_innen, im Hintergrund das neu errichtete POLIN-Museum.

Das Denkmal der Ghettoheld_innen, im Hintergrund das neu errichtete POLIN-Museum.

Die Ausstellung, in der man wahrscheinlich auch Tage verbringen könnte, ist eine in ihrer Fülle beinahe überfordernde Mischung aus interaktiven bzw. Hands-on-Exponaten und eher ‚klassischem‘ Museumsaufbau mit Bildern, Ausstellungsgegenständen und Texten, eingebettet in ein komplexes Leitsystem mit oft an die behandelte Zeit angelehnten Raumgestaltungen. Ein Online-Kauf der Karten (oder frühes Anstellen) ist an Wochenenden bzw. zu Gedenktagen sicher empfehlenswert, zumal die Besucher_innen (jedenfalls offiziell) nur in 15-minütigen Abständen eingelassen werden.

Im Maßstab 1:0,9 nachgebaute Synogage aus dem 17. Jh. aus Gwoździec, heute Hwisdez, Ukraine.

Im Maßstab 1:0,9 von Freiwilligen nachgebaute Synogage aus dem 17. Jh. aus Gwoździec, heute Hwisdez, Ukraine.

Wir haben zweieinhalb Stunden im POLIN verbracht und dabei schon einige Teile eher großzügig übersprungen bzw. nur im Schnelldurchlauf angeschaut. Wenn man die Zeit dazu hat, empfiehlt sich wahrscheinlich ein wiederholter Besuch, ansonsten ist es wohl nicht schlecht, sich anhand der am Eingang erhältlichen Flyer („A Short Guide to the Core Exhibiton“) im Vorhinein zu überlegen, welche Bereiche einen am meisten interessieren und diese gezielt intensiv anzusehen.

Vier Damen mit No-Nonsense-Attitüde: Streikkommittee aus Białystok, 19. Jh.

Vier Damen mit No-Nonsense-Attitüde: Streikkommittee aus Białystok, 1901.

Nicht zuletzt sieht sich das POLIN als einen Ort des gegenwärtigen jüdischen Lebens, mit Vorträgen, Musik- und Theaterveranstaltungen und Workshops für alle Altersklassen. Die Schlusssätze dieses Blogeintrags gehören einem neuerlichen Zitat, diesmal aus dem erwähnten Flyer des POLIN:

At the monument [Denkmal der Ghettoheld_innen] we honor those who perished by remembering how they died. At the museum, we honor them, and those who came before and after, by remembering how they lived.

Advertisements
Kommentare
  1. […] 72. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes und POLIN 25. April 2015 […]

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s