Festiwal Kultury Żydowskiej (Part II)

Veröffentlicht: 15. Juli 2015 in Allgemein
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Hier kommt er also: Der versprochene zweite Beitrag zum Festiwal Kultury Żydowskiej / Jewish Culture Festival, das in seiner 25. Auflage von 25.06. bis 05.07. in Kazimierz stattgefunden hat. Wie sich mittlerweile gezeigt hat, wird dieser Beitrag das Mittelstück einer Trilogie werden: In Teil 3 wird es um die Künste – Film, Musik und Tanz – gehen, jetzt aber erstmal um…

Einsichten und Aussichten: Ausstellungen und Meetings

Logo des JCC (Jewish Community Center) in der ul. Miodowa

Anstecker mit Logo des JCC (Jewish Community Center).

Auch wenn es chronologisch nicht ganz stimmt, beginne ich vielleicht am besten mit der Erwähnung einer Tour, die vom Jewish Community Center (JCC) angeboten wurde – im Übrigen gratis, wenn auch gegen Voranmeldung. Anna Maria Baryła, geprüfte Stadtführerin für Krakau und Absolventin der Geschichte und der Judaistik, führte am 30.06. um 12 Uhr mittags etwa 12 Interessierte eineinhalb Stunden lang auf einer streckenmäßig kurzen, aber inhaltlich dichten Tour durch ein „Kazimierz Beyond the Kitsch“. Die Tour hielt, was ihr Titel versprach und eröffnete auch für mich, die ich doch schon vier Monate lang und von verschiedenen ‚Expert_innen’ 🙂 begleitet immer wieder durch den Stadtteil getrabt war, noch einige neue Einblicke – über Berek Joselewicz etwa, zum Standort von Mordechaj Gebirtigs Wohnhaus (auch wenn man bislang noch nicht weiß, in welcher Wohnung er mit seiner Familie gewohnt hat), oder über die Disko in einem ehemaligen Gebetshaus und die entsprechende Kontroverse darum (Ecke Meiselsa/Bożego Ciała).

Kitsch lass nach: Das

Kitsch lass nach: Das „Ariel“ – als Beispiel unter mehreren – auf der ul. Szeroka.

Gleichzeitig boten die vielfältigen Stationen der Tour für mich sehr oft thematische Anknüpfungspunkte in den folgenden Tagen – beispielsweise, was die Frage von (vermeintlich?) antisemitischen Graffiti betrifft. Hierzu gab es am 03.07. um 15 Uhr ein „Meeting“ ebenfalls im JCC unter dem Titel „Deconstructing Symbols: Graffiti and its Broader Implications“. Annamaria Orla-Bukowska, Wojtek Wilczyk, Bogna Wilczynksa, Stanislav Lukáč und Michał Strzyżowski berichteten unter der Leitung von Dara Bramson über ihre Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte im Hinblick auf Graffiti, die in verschiedenen Städten Polens v.a. von Fans bestimmter Fußballvereine angebracht werden und antisemitische (oder jedenfalls als antisemitisch deutbare) Symbole enthalten – oder umgekehrt, vom jeweils als „jüdisch“ gedeuteten Verein, mitunter Vereinnahmungen im Sinn der fragwürdigeren Spielart des Philosemitismus (d.h. eine positive Selbstidentifikation mit gerade dadurch weiter tradierten Stereotypen über Juden/Jüdinnen wie der Hakennase).

Das bekannteste Derby-Paar ist wohl dasjenige aus Krakau selbst, der „Heilige Krieg“ Cracovia vs. Wisła, was sich Kenner_innen der österreichischen Fußballgeschichte und –landschaft in etwa als eine Potenzierung (!) von Austria Wien vs. Rapid vorstellen können – übrigens in der genannten Reihenfolge, was die Implikationen betrifft: Cracovia gilt als „jüdisch“, Wisła-Fans verwenden daher gerne einen durchgestrichenen Davidsstern zur Selbstidentifikation, während sich Cracovia-Fans in neuerer Zeit schonmal als „auserwähltes Volk“ bezeichnen und ihr Stadium als „Heiliges Land“. Interessanterweise handelt es sich um einen, wie Wilczynska es bezeichnete, „anti-semitism without Jews“, von dem etwa Wisła-Fans in Interviews dann sagen, dass er nichts mit tatsächlichen Juden/Jüdinnen oder dem Staat Israel zu tun habe. Ironischerweise war auch der einzige jüdische Spieler seit langer Zeit ein vor einigen Jahren von Wisła (!) angeheuerter Legionär aus Israel.

Viele Fragezeichen und v.a. viele von Tourist_innen und Nicht-Fußballinteressierten missverstehbare Graffiti bleiben – doch auch hier besteht Hoffnung durch Aktionen wie „Zmaluj to!“ (Übermal das!), eine von jungen Freiwilligen des Jüdischen Kulturfestivals („the Machers“) getragene Initiative, die antisemitische Graffiti in Kazimierz und Podgórze übermalt, wie Michał Strzyżowski, einer dieser „Macher“, berichtete – inklusive Meldemöglichkeit im Internet und Nachvollziehbarkeit der Aktionen über Markierungen auf einem Google-Map-Ausschnitt. Allerdings bezieht sich die Subvention der dazu benötigten Mittel derzeit nur auf Graffiti in den genannten beiden Bezirken und mit antisemitischem Inhalt; für beispielsweise homophobe oder rassistische Schmierereien bleibt nur der Rechtsweg einer Anzeige wegen Vandalismus bei der Polizei bzw. Stadtwache (Straż Miejska) und mit der Hoffnung, dass die entsprechende Wand darauffolgend von der öffentlichen Hand übermalt wird.

Kurze Werbeeinschaltung für Leser_innen in Krakau: Eine ähnliche gestaltete Panel-Diskussion gibt es kommenden Sonntag, den 19.07., um 18 Uhr im immer empfehlenswerten Café Massolit. Hingehen, zuhören, mitreden. 🙂

Zum Vergleich mit dem oben präsentierten heutigen

Zum Vergleich mit dem oben präsentierten heutigen „Kitsch“: Szeroka-Straße Ende der 1950er-/Anfang der 1960er-Jahre (Postkarte mit einem Motiv von Eugeniusz Wilczyk).

Ebenfalls abseits des Kitsches bewegte sich die kleine, aber feine Foto-Ausstellung im „Bosak-Haus“ in der ul. Św. Sebastiana: In einer heute leerstehenden Wohnung wurden Fotos aus den späten 1950er- bzw. frühen 1960er-Jahren von Eugeniusz Wilczyk bzw. aus den späten 1970er-Jahren von Susanne Guzei-Taschner präsentiert, die den Unterschied von Kazimierz „damals“ und heute spürbar machen – bevor Kazimierz in den 1990er-Jahren zunehmend „hip“ und (nach und nach, teils kitschig-verklärend, teils aber auch im Alltäglichen) wieder (zum Teil) jüdisch wurde, war es ein heruntergekommener Arbeiterbezirk, dessen Bausubstanz wie viele Teile der Krakauer Altstadt von den kommunistischen Machthaber_innen nicht instand gehalten oder gar erneuert wurde, um den Willen der traditionell katholisch-bürgerlich gesinnten Krakauer_innen zu brechen. Einige wenige Beispiele (abgesehen von der oben abfotografierten Postkarte, die für die Ausstellung im Bosak-Haus aufgelegt wurde) der Werke von Wilczyk bzw. Guzei-Taschner finden sich auf der entsprechenden Unterseite der Festival-Homepage.

Diesen Blogeintrag abschließend möchte ich noch kurz auf eine aktuelle Ausstellung im MOCAK (Museum der Gegenwartskunst) in Podgórze und einen damit in Zusammenhang stehenden Vortrag verweisen: Die Ausstellung heißt „Poland – Israel – Germany: The Experience of Auschwitz“ und ist noch bis 30.09. zu besichtigen – mit teils sehr intelligenten Hinterfragungen des „KZ-Tourismus“, aber auch berührenden Arbeiten von Auschwitz-Überlebenden bzw. deren Nachfahren. Der Vortrag (am 01.07. um 18 Uhr) kam von der schon im ersten Beitrag über das Jüdische Kulturfestival erwähnten US-amerikanischen Journalistin, Autorin und Forscherin Ruth Ellen Gruber und beschäftigte sich unter dem Titel „Seeing, Believing, Being“ mit „Holocaust sites, Jewish heritage, Dark (and not-so-dark) Tourism“ – mit „Dark Tourism“ ist eben das oben Angedeutete gemeint: das Besichtigen von z.B. ehemaligen KZs, aber etwa auch von einstigen Stätten der Sklaverei, Schlachtfeldern oder Kerkern.

Die dazugehörigen Fragen wurden teils in den vergangenen Jahren medial intensiv diskutiert – und sind doch nicht objektiv lösbar: Von welchen Stätten ist ein Selfie akzeptabel, von welchen nicht? Ist es gut oder schlecht, wenn „memorials“ verschiedener Art sosehr mit dem umgebenden Stadtbild verschmelzen, dass sie Unbedarfte gar nicht mehr als Denkmale oder Gedenkstätten erkennen? Und schließlich auch die ewige Frage nach dem Erhalten alter Gebäude, beispielsweise von jahrzehntelang vor sich hin verfallenden Synagogen in Mittel- und Osteuropa: Soll man sie restaurieren, sie so wieder herstellen, wie sie waren – und wenn ja, wann ist dieses „wie sie waren“? Vor 100, vor 200 Jahren? Welchen (einstigen) Zustand stellt man wieder her, welche Zeitschichten gibt man damit womöglich endgültig preis? Oder soll man sie vielmehr konservieren, sie in ihrem jetzigen Zustand quasi einfrieren, also das, was noch dasteht, so erhalten, wie es noch dasteht – und dabei ganz bewusst die verschiedenen „Schichten der Geschichte“ sichtbar machen?

Mit diesen spannenden und be-denkens-werten Fragen schließe ich für heute und kündige nochmals den „bald“ folgenden dritten Teil an. So long und danke fürs Lesen!

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Kommentare
  1. […] Festiwal Kultury Żydowskiej (Part II) 15. Juli 2015 […]

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