Mit ‘Einkaufen’ getaggte Beiträge

Rückkehrschock-Prognose

Veröffentlicht: 11. Juni 2015 in Allgemein
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Als Rückkehrschock oder Eigenkulturschock bezeichnet man jenes seltsame bis verstörende Gefühl, das einen befällt, wenn man nach längerer Zeit in (vermeintlich) „fremder“ Umgebung wieder in die „eigene“ zurückkommt. Wie bekanntlich schon Heraklit wusste, kann man nicht zweimal in denselben Fluss steigen – weil man sich selbst und weil sich der Fluss weiterentwickelt hat. Was sich in Österreich weiterentwickelt hat, während ich nicht dort war, werde ich so richtig wohl erst merken, wenn ich im Juli wieder dort bin (obwohl ich speziell über Twitter doch so viel mitbekomme, dass ich damit sogar Kurzzeit-Gäste – hej hej, winkt mal! – verblüffen kann), aber wie ich selbst mich verändert habe, welche Gewohnheiten ich (freudig) angenommen habe, das kommt mir schon jetzt, wenn ich darüber nachdenke, so ein bisschen zu Bewusstsein. Ein paar – insgesamt doch eher harmlose – Beispiele:

1) Straßenbahn
Ich werde für einige Zeit nicht ganz Wien-Bim-kompatibel sein. Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, um mich an Straßenbahnen zu gewöhnen, die majestätisch langsam um die Stadt gleiten; die schonmal vor einem Zebrastreifen stehen bleiben, um Fußgänger_innen queren zu lassen; und die sogar einer auf der Kreuzung halb auf den Schienen stehenden Autofahrerin die Vorfahrt lassen, anstatt sie so lange niederzubimmeln, bis sie irgendwie in den nachfolgenden Verkehr zurückgeschoben hat.

2) „Tak“ sagen
Ich bin weit davon entfernt, Polnisch in ähnlicher Weise in meinen allgemeinen (und damit deutschen) Wortschatz einfließen zu lassen wie Englisch (obwohl es schon Wörter gibt, v.a. kulinarische, die übersetzt einfach keinen Sinn machen wie obwarzanki, pierogi oder zapiekanka, vgl. unten). Aber langgezogen „Taaak“ (ja) vor mich hinzusagen, während ich etwas überlege, um mir selbst oder anderen etwas zu bestätigen – tak, das habe ich mir wohl ein bisschen angewöhnt…

3) Fastfood ist falsch…
…denn es gibt in Österreich weder die Krakau-typischen obwarzanki (gedrehte Teigringe, die nach dem Backen in Salzwasser blanchiert werden), schon gar nicht an jeder Straßenecke, noch die zapiekanka, jene magenfüllende Himmelsspeise, die von den Einheimischen eher als Snack betrachtet wird. Wohl gibt es Pizzabaguette und ähnliche Untugenden auch in Österreich, aber einer guten zapiekanka vom Plac Nowy in Kazimierz, stilecht am Ende mit Ketchup, Knoblauchsoße o.ä. ertränkt, gleicht so ein österreichisches Pizzabaguette eben nur von weitem.

4) …und (wie vieles andere) teuer
Ja, mir wird so manches in Österreich unwahrscheinlich teuer erscheinen. Wahrscheinlich muss ich manchmal ganz fest die Augen schließen und daran denken, dass es viel ärger sein könnte, mit norwegischen oder Londoner Preisen zum Beispiel. Das einzige, was in Wien, konkret am Brunnenmarkt (mit Stand Februar), billiger zu haben ist als in Krakau, ist jenes Fastfood, zu dem ich mangels obgenannter Köstlichkeiten wieder vermehrt flüchten werde – Kebap. Brunnenmarkter Kebap und eine schöne Leberkässemmel – das ist das Sehnsuchtsfastfood, das mir meinen Rückkehrschock hoffentlich erleichtern wird.

Vermischtes (DDFIGZK II)

Veröffentlicht: 30. Mai 2015 in Allgemein
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1) Baustellen
Baustellen bedeuten: Betreten verboten! Und das wird auch dann durchexerziert und eingehalten, wenn man von außen keinen Grund dafür ersehen kann und womöglich auch gerade gar niemand dort arbeitet. – Nun ja, nicht zwingend, wie etwa die große Straßenbaustelle in der Podwale-Straße nächst den Planty zeigt: Es müssen dort täglich verdammt viele Menschen durch, auch wenn gerade alles aufgegraben wurde und die Straßenbahnschienen rausgerissen wurden usw. Also gehen viele Leute auch einfach durch. Es herrscht ein gewisses gegenseitiges Vertrauen, vielleicht auch eine Art Wurschtigkeit: Die Passant_innen vertrauen den Bauarbeitern, dass diese ihnen kein Trumm unversehens auf den Schädel schmeißen, und die Bauarbeiter vertrauen darauf, dass die irgendwie durchmarschierenden (oder teilweise: -kraxelnden) Fußgänger_innen nicht ganz unvorsichtig unterwegs sind und untertags, wenn die Arbeiten laufen, selbst wissen, wieviel Abweichen von den ausgeschilderten (aber deswegen nicht weniger abenteuerlichen) Querungen gesund ist. Entspanntes Laissez-faire, das die freiwillig Umwege einlegende Österreicherin erst begreifen musste.

2) Wo man Streichhölzer bekommt
Im Drogeriemarkt? In jedem Supermarkt? – Weit gefehlt. Rossmann hat (hier) so etwas nicht im Sortiment, und auch in mehreren (zugegebenermaßen kleinen) Supermärkten schaute man mich mit meinem Begehr nach Streichhölzern nur seltsam an. Doch sieh, das Gute liegt so nah: Lewiatan, „twój dobry sąsiad“ (dein guter Nachbar), hatte sie sogar schächtelchenweise im Sortiment. Thumbs up, mythisches Ungeheuer!

3) Plastikdrehverschlüsse
…sind wertloser, mit der Flasche zu entsorgender Müll. – NEIN! Diese werden etwa für wohltätige Zwecke extra gesammelt, weil man sie nach Gewicht gegen Geld einlösen kann. Faszinierender Trick, um die Leute Richtung mehr Mülltrennung zu führen.

4) Telefonnummern mit führender Null
Nicht, dass ich dieser vorangestellten Null jemals eine wirkliche Funktion beigemessen hätte; ja, ich habe mich schon oft gefragt, wozu sie eigentlich gut ist, ist sie doch in jeder Telefonnummer gleich und verlängert diese daher, ohne etwas zu bringen. Ähnliche Überlegungen dürften die Pol_innen dazu getrieben haben, zumindest bei den Handynummern die führende Null auch innerpolnisch ersatzlos zu streichen. Handynummern beginnen also mit der dreistelligen Providervorwahl, meist mit 5, 6 oder 7. Bei Festnetznummern muss man dafür auch im Ortsnetz immer die Vorwahl (z.B. 012 für Krakau) vorwählen.

5) WCs
Sind dafür da, dass man sie benutzt. Punkt aus. Keine Diskussionen. Freiluftpinkeln hat in einem bewohnten Gebiet im Europa des 21. Jahrhunderts aber sowas von nichts mehr verloren. Eines der Dinge, an die ich mich daher (hoffentlich!!!) nie gewöhnte, selbst wenn ich 100 Jahre hier lebte: Schamlos im Park oder am Grünstreifen neben dem Gehsteig an einen Baum urinierende Männer mittleren und fortgeschrittenen Alters (und oft, aber durchaus nicht immer, verwahrlosten Eindrucks). Am helllichten Tag, in belebten Zonen. Brrrr. Und da ich, wie man am Foto oben bei entsprechendem Vorwissen erkennen kann, gerade Brinkmann (Rom, Blicke) wiederlese, ein irgendwie dazu passendes Zitat (das sich auf italienische Männer anno 1972 bezieht, die sich in der Öffentlichkeit ihr „package“ in der Hose richten): „Die Häßlichkeit einer derartigen, bereits länger unbewußt und aller Scham entbehrend gewordenen Handlung ist kaum zu überbieten. Sie widert schnell an. Wer möchte schon ständig an den Schwanz eines anderen erinnert werden? Ich nicht.“ Und wer möchte anderen beim Pinkeln zusehen? Na eben.

Und um nicht mit einem derart „g’schmackigen“ Thema zu schließen…

6) Rekrutierung von Ministranten (Ministrantinnen?)
…kann auch mit der Hilfe von Superman erfolgen, meint zumindest die Augustinerpfarre in Kazimierz:

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Erster Mai – fast vorbei

Veröffentlicht: 1. Mai 2015 in Allgemein
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In einem Land, in dem es – trotz quasi flächendeckendem Katholizismus* – Sonntagsöffnungszeiten ungeahnten Ausmaßes gibt, fallen die Feiertage umso seltsamer auf: An staatlichen Feiertagen, wie Ostersonntag, Ostermontag, 1. Mai oder 3. Mai (Tag der Verfassung von 1791), ist alles geschlossen und die Geschäftswelt Krakaus somit nachgerade unheimlich still. Es ist, wenn man sich rund zwei Monate lang an das Gegenteil gewöhnt hat – an Läden, die teilweise 24/7 offen haben – ein seltsames, durchaus entschleunigendes Gefühl. Wie etwa aus Österreich gewohnt, stirbt keiner, weil er einen Tag in der Woche nichts einkaufen kann (weitere Möglichkeiten der Versorgung mit Nahrung, wie Restaurants und Fastfoodbuden, stehen ja ohnedies zur Verfügung).

Im Vergleich etwa zu Wien ist es gewissermaßen eine ‚extremere‘ Aufteilung: Entweder alles hat lange und sieben Tage die Woche geöffnet, oder aber (praktisch) gar nichts (familiengeführte kleine Läden dürfen am Feiertag öffnen, wenn sie wollen) – während in Wien fast alles an jedem Sonntag zu hat (und am Samstag ab 18 Uhr), dafür haben die (mehr werdenden) Supermärkte an Bahnhöfen und (vereinzelt) Tankstellen (nicht die klassischen Tankstellenshops, sondern relativ ausgewachsene Klein-Supermärkte) wirklich jeden Tag offen und eignen sich somit für jederzeitige Emergency-Einkäufe der dekadent-zerstreuten Stadtmenschen (die sich dann fragen, wie sie auf die hirnverbrannte Idee gekommen sind, ausgerechnet am Sonntag Nachmittag beim Billa am Franz-Josefs-Bahnhof aufzukreuzen, um sich mit allen anderen dekadent-zerstreuten Menschen dieser Stadt in einer Schlange vor den unterbesetzten Kassen anzustellen).

Mein Erfolg des Tages bestand übrigens im problemlosen und zügigen (weil „verfahrensfreien“) Heimkommen von einer Haltestelle, die weit draußen liegt, selten angefahren wird und von dir ich mir nicht alle Möglichkeiten, zurück ins Zentrum zu fahren, im Vorhinein bei jakdojade herausgesucht hatte – Kombinationsgabe und einem Gedächtnis, das Stationsnamen zumindest wiedererkennen (wenn schon nicht selbständig wiedergeben) kann, sei Dank – sowie dem nicht unpraktischen System, dass die (allesamt mehr oder minder über die Innenstadt führenden) Straßenbahnlinien ihre Endhaltestellen stadtauswärts zumeist in Form von Bus-Bim-Knotenpunkten haben, d.h. wenn auf dem Busplan irgendwo z.B. die Station „Czerwone Maki“ auftaucht, weiß man, dass von dort Straßenbahnen wegfahren, weil man das schon hunderttausendmal auf Straßenbahnen verschiedener Linien als Ziel gelesen hat.

In gewisser Weise bieten diese Bus-Bim-Knotenpunkte als „Zufluchtsorte“ für irgendwo im niederrangigen Verkehrsnetz der Peripherie Gestrandete das, was in anderen Städten durch U-Bahn- oder S-Bahn-Stationen geleistet wird: Die Gewissheit, an dieser Umsteigestation Anschluss an ein Verkehrsmittel zu finden, das durch seine Schienengebundenheit Zuversicht einflößt…

Ansonsten konnte ich beim Heimfahren im Regen noch die Schönheit des Straßenbahnballets an der Kreuzung Dominikańska–Św. Gertrudy feststellen und habe schließlich meine Abendunterhaltung hierbei gefunden:
http://johnfinnemore.blogspot.com/2015/05/look-dobbin-its-got-astrolabe.html

(gesamten Thread unter diesem Tweet beachten – es will mir leider nicht gelingen, den Tweet nicht einzubinden, sondern normal zu verlinken – WP ist mal wieder zu modern für mich Internetlebewesen der Nullerjahre – „wir hatten ja damals praktisch gar nichts und waren schon froh, wenn wir einfach einen Link wo reinstellen konnten“)

SDC10531a

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* Ja, der Dativ nach „trotz“ ist volle Absicht – dafür ist die Möglichkeit, mit leichten Abschlägen in der Eleganz den dritten Fall anstatt des zweiten zu benutzen, meiner Meinung nach da (u.a.): Für die Zweifelsfälle, in denen der Genitiv eines Wortes auf -s einfach nur seltsam wirken würde.**

** Und dafür ist die von manchen als ach-so-würdelos angeprangerte „würde“-Form des Konjunktiv II da: Für die Fälle, in denen die konjugierte Form einfach seltsam oder verwirrend wirken würde, weil sie mit der Indikativ-Form des Präteritums zusammenfällt.

P.S.: In der Überschrift übrigens der miese Reim des Tages. Danke für Ihre geneigte Aufmerksamkeit für dieses Meisterwerk der Versschmiedekunst.