Mit ‘Frühling’ getaggte Beiträge

Erster Mai – fast vorbei

Veröffentlicht: 1. Mai 2015 in Allgemein
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In einem Land, in dem es – trotz quasi flächendeckendem Katholizismus* – Sonntagsöffnungszeiten ungeahnten Ausmaßes gibt, fallen die Feiertage umso seltsamer auf: An staatlichen Feiertagen, wie Ostersonntag, Ostermontag, 1. Mai oder 3. Mai (Tag der Verfassung von 1791), ist alles geschlossen und die Geschäftswelt Krakaus somit nachgerade unheimlich still. Es ist, wenn man sich rund zwei Monate lang an das Gegenteil gewöhnt hat – an Läden, die teilweise 24/7 offen haben – ein seltsames, durchaus entschleunigendes Gefühl. Wie etwa aus Österreich gewohnt, stirbt keiner, weil er einen Tag in der Woche nichts einkaufen kann (weitere Möglichkeiten der Versorgung mit Nahrung, wie Restaurants und Fastfoodbuden, stehen ja ohnedies zur Verfügung).

Im Vergleich etwa zu Wien ist es gewissermaßen eine ‚extremere‘ Aufteilung: Entweder alles hat lange und sieben Tage die Woche geöffnet, oder aber (praktisch) gar nichts (familiengeführte kleine Läden dürfen am Feiertag öffnen, wenn sie wollen) – während in Wien fast alles an jedem Sonntag zu hat (und am Samstag ab 18 Uhr), dafür haben die (mehr werdenden) Supermärkte an Bahnhöfen und (vereinzelt) Tankstellen (nicht die klassischen Tankstellenshops, sondern relativ ausgewachsene Klein-Supermärkte) wirklich jeden Tag offen und eignen sich somit für jederzeitige Emergency-Einkäufe der dekadent-zerstreuten Stadtmenschen (die sich dann fragen, wie sie auf die hirnverbrannte Idee gekommen sind, ausgerechnet am Sonntag Nachmittag beim Billa am Franz-Josefs-Bahnhof aufzukreuzen, um sich mit allen anderen dekadent-zerstreuten Menschen dieser Stadt in einer Schlange vor den unterbesetzten Kassen anzustellen).

Mein Erfolg des Tages bestand übrigens im problemlosen und zügigen (weil „verfahrensfreien“) Heimkommen von einer Haltestelle, die weit draußen liegt, selten angefahren wird und von dir ich mir nicht alle Möglichkeiten, zurück ins Zentrum zu fahren, im Vorhinein bei jakdojade herausgesucht hatte – Kombinationsgabe und einem Gedächtnis, das Stationsnamen zumindest wiedererkennen (wenn schon nicht selbständig wiedergeben) kann, sei Dank – sowie dem nicht unpraktischen System, dass die (allesamt mehr oder minder über die Innenstadt führenden) Straßenbahnlinien ihre Endhaltestellen stadtauswärts zumeist in Form von Bus-Bim-Knotenpunkten haben, d.h. wenn auf dem Busplan irgendwo z.B. die Station „Czerwone Maki“ auftaucht, weiß man, dass von dort Straßenbahnen wegfahren, weil man das schon hunderttausendmal auf Straßenbahnen verschiedener Linien als Ziel gelesen hat.

In gewisser Weise bieten diese Bus-Bim-Knotenpunkte als „Zufluchtsorte“ für irgendwo im niederrangigen Verkehrsnetz der Peripherie Gestrandete das, was in anderen Städten durch U-Bahn- oder S-Bahn-Stationen geleistet wird: Die Gewissheit, an dieser Umsteigestation Anschluss an ein Verkehrsmittel zu finden, das durch seine Schienengebundenheit Zuversicht einflößt…

Ansonsten konnte ich beim Heimfahren im Regen noch die Schönheit des Straßenbahnballets an der Kreuzung Dominikańska–Św. Gertrudy feststellen und habe schließlich meine Abendunterhaltung hierbei gefunden:
http://johnfinnemore.blogspot.com/2015/05/look-dobbin-its-got-astrolabe.html

(gesamten Thread unter diesem Tweet beachten – es will mir leider nicht gelingen, den Tweet nicht einzubinden, sondern normal zu verlinken – WP ist mal wieder zu modern für mich Internetlebewesen der Nullerjahre – „wir hatten ja damals praktisch gar nichts und waren schon froh, wenn wir einfach einen Link wo reinstellen konnten“)

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* Ja, der Dativ nach „trotz“ ist volle Absicht – dafür ist die Möglichkeit, mit leichten Abschlägen in der Eleganz den dritten Fall anstatt des zweiten zu benutzen, meiner Meinung nach da (u.a.): Für die Zweifelsfälle, in denen der Genitiv eines Wortes auf -s einfach nur seltsam wirken würde.**

** Und dafür ist die von manchen als ach-so-würdelos angeprangerte „würde“-Form des Konjunktiv II da: Für die Fälle, in denen die konjugierte Form einfach seltsam oder verwirrend wirken würde, weil sie mit der Indikativ-Form des Präteritums zusammenfällt.

P.S.: In der Überschrift übrigens der miese Reim des Tages. Danke für Ihre geneigte Aufmerksamkeit für dieses Meisterwerk der Versschmiedekunst.

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Veröffentlicht: 26. April 2015 in Allgemein
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Es wurde warm, sehr sonnig und ein wenig schwül. So ließe sich das soeben zu Ende gehende Wochenende in Krakau umschreiben. Ich habe mich mal wieder ein bisschen auf durch die Botanik gemacht und bisher nicht besichtigte Teile von Podgórze, dem Bezirk südlich der Weichsel, „erwandert“ – insbesondere den Krak-Hügel aus dem 7. Jh., zu dem hoffentlich mal noch ein ausführlicherer Blogeintrag folgen wird (im Verband mit (den) anderen Gedenkhügeln Krakaus).

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Das ist, was ich mit nach Hause trage, wenn man mich in der halbwegs freien Natur herumstromern lässt: Irgendeine Art von altem Holzköfferchen oder Deckel von was auch immer, auf einer Seite angeschmort, das ich aber einfach nicht liegenlassen konnte. Irgendwas werde ich damit schon machen – Bilderrahmen o.ä. Man habe Geduld und erwarte in mehreren Dezennien Berichte über das Erreichte.

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Gefunden habe ich außerdem eine Kandidatin für die Liste „Straßen in denen ich aus Spaß an der Gaudi gerne wohnen würde“ (eine Adresse in der ul. Kraka in Kraków – besser würde es nur mit der ul. Krakowska (!) in Kazimierz, die heute nominell ebenfalls in („Gesamt-„)Krakau liegt, deren Name aber daher rührt, dass Kazimierz sehr lange eine eigenständige Stadt war, die eben eine Straße hatte, die ins benachbarte Krakau führte).

Weiters konnte ich ein Viertel entdecken, das in mir doch etwas saudade aufkeimen ließ, erinnert es mit dem durch Treppen überwundenen Gelände (und irgendwie auch die Bebauungsweise) an die Lissabonner Alfama:

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Es klingt wahrscheinlich sehr schräg, aber dort oben, auf diesem Hang zwischen Krak-Hügel und Rynek Podgórski (dem Hauptplatz des Bezirks), habe ich es spontan sehr heimelig und gemütlich gefunden, obwohl ich einfach nur durchgewandert bin. Nicht, dass es mir dort, wo ich während meines Aufenthalts wohne, nicht gefällt, und dass die Lage der Wohnung für mein Praktikum kaum idealer sein könnte  – aber der leise Gedanke im Hinterkopf war: Wenn ich für längere Zeit in Krakau wohnen würde und es irgendwie möglich wäre, dann würde ich gerne in diesem Teil Podgórzes wohnen. Ich kann es nicht einmal richtig benennen, warum, und der Gedanke, für längere Zeit nach Krakau zu ziehen, hat auch keine Substanz, aber es war als eine Art „Bauchgefühl“ einfach so da.

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P.S.: Der denglische Titel musste wegen des Metrums sein: Spring hat leider nur eine Silbe, Frühling hat deren zwei. Zwei Silben müssen es sein, weil der Titel sich darauf bezieht. Für’s Herumwandern in einer frühlingshaft-sonnig-schwülen Stadt gehören Nick Cave & the Bad Seeds (nebst anderen) zu meinem Pflichtprogramm.

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Vor einer Woche hätte ich im winterlichen Zakopane noch eher T.S. Eliot zum April zitieren können, „April is the cruellest month“. Mittlerweile ist allerdings, jedenfalls in Krakau, tatsächlich der Frühling ausgebrochen, und auch wenn die „shouers soote“ bislang noch ausgeblieben sind (angeblich soll sich das am Mittwoch ändern), so „longen folk to goon on pilgrimages“, zumindest am Wochenende, und wenn schon nicht bis Canterbury, dann in die Planty, ans Weichselufer oder zur nächsten Eisdiele. So auch ich, wobei neben einigen vor Frühling strotzenden Fotos auch folgendes Poem im Stile von Alf Poiers „Good Old Europe is Dying“ entstanden ist (ich halte Alf Poier nicht aus, aber der Vierzeiler aus diesem Lied hat sich dermaßen in mein Hirn eingebrannt, dass ich ihn immer wieder abwandle, wenn ich irgendwo sitze und auf etwas warte o.ä.):

Ich sitze ganz alleine in den Planty
und schau den Radlfahrern hinterher;
zwei ält’re Leute ziehen Absperrungen
und keiner hält sich daran bittesehr.

(kursiv = Versbetonung schlägt Wortbetonung, während beide zusammen ein gewisser Schlag ins Gesicht des Metrums sind)

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Hinter der Fotografin und daher nicht im Bild: rotweißes Absperrband.

Wozu die rotweißen Absperrbänder wirklich gut sein sollten – ich hatte keine Ahnung, als ich dort saß und meine Gedanken darüber zu Papier brachte. Die beiden (bzw. wie sich später herausstellte: drei) Leutchen um die 60 trugen zwar je eine gelbe Sicherheitsweste mit der Aufschrift „Ochrona“ (Security), saßen nach dem Anbringen der Absperrbänder aber wieder ganz gemütlich herum und ermahnten auch nicht etwa die Passant_innen, die die Absperrung fast allesamt großzügig ignorierten. Irgendwo hatte ich im Vorbeigehen irgendwas mit pamię… (Erinnerung/erinnern) gelesen – also vielleicht ein Kunst-/Gedenkprojekt?

Nach etwa zehn Minuten installierten die beiden Herren und die Dame „Ochrona“ die nächsten Absperrbänder an den nächsten drei ‚Querwegen‘ – allerdings diesmal so hoch oder so tief, dass man ganz, ganz leicht darunter durchgehen oder aber darübersteigen konnte – also noch ’sinnvoller‘ als Absperrung als die bisherigen Bänder… Wofür auch immer hier abgesperrt wurde, die möglichen Teilnehmer_innen und Zuschauer_innen würden sich wohl freiwillig an die Absperrungen halten. Oder doch ein Kunstprojekt? Ich fragte mich schon ernsthaft, ob ich es durch meine Anwesenheit im Park gerade quasi ins MOCAK (Krakauer Museum für moderne Kunst) schaffte.

Tja, hätte ich abgewartet, hätte ich vielleicht noch vor Ort erfahren, worum es sich tatsächlich handelte: Um einen fünf Kilometer langen Gedenklauf, Bieg Pamięci, mit Ziel an der Schindlerfabrik in Podgórze. Die feineren Details entgingen mir auch im Internet, da ich keine Beschreibung auf Englisch finden konnte, aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich zwar vielleicht etwas versäumt habe, aber doch nicht das Event des Jahres, da sich bei mir das Interesse, anderen Leuten beim Laufen zuzusehen, eher in Grenzen hält. Kudos trotzdem an diejenigen, die heute gelaufen sind, denn soweit hätte es bei mir, auch wenn ich früher von der Veranstaltung gewusst hätte, ja sicher auch nicht gereicht: Aktivlaufen noch unattraktiver als Passivlaufen… 😉