Mit ‘Gedenken’ getaggte Beiträge

Hear, O German God,
The squatter-house Jews at prayers,
Clutching a crowbar or a scrap of wood.
We ask you, God, for a bloody battle,
We beg you for a violent death.
Spare us, before we die, the sight
Of slow-receding rails,
Give us, O Lord, a steady hand
To stain their bluish tunics with blood,
And let us see, before mute groan
Chokes our throats,
In their haughty hands, their whip-swinging paws
Our common, human fright.

Władysław Szlengel, Kontratak (1943), engl. Übersetzung von Tadeusz K. Gierymski

Lageplan des Warschauer Ghettos auf einer Erinnerungsstele. Das in der Mitte sichtbare 'Loch' zwischen dem sog. Großen und Kleinen Ghetto wurde von einer Fußgängerbrücke überspannt, die zur "jüdischen Seufzerbrücke" wurde: Dem einzigen Platz, wo man auf die Welt außerhalb des Ghettos sehen konnte.

Lageplan des Warschauer Ghettos auf einer Erinnerungsstele. Das in der Mitte sichtbare ‚Loch‘ zwischen dem sog. Großen und Kleinen Ghetto wurde von einer Fußgängerbrücke überspannt, die zur „jüdischen Seufzerbrücke“ wurde: Dem einzigen Platz, wo man auf die Welt außerhalb des Ghettos sehen konnte.

Das ausschnittweise zitierte Gedicht „Kontratak“ (Konterattacke) schrieb Szlengel im Jänner 1943 im Warschauer Jüdischen Ghetto, nachdem sich dort erstmals jüdische Kämpfer_innen den Nazis entgegengestellt hatten, als diese Kinder abtransportieren wollten. Dies wurde zu einem wegweisenden Ereignis für den verzweifelten Aufstand im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 begann, dem Tag, an dem das Warschauer Ghetto „liquidiert“ werden sollte – so, wie das Krakauer Ghetto rund einen Monat davor.

Das „Lied der jüdischen Partisanen“ mit dem Titel „Zog nit keyn mol“ wurde von Hirsch Glick im Wilnaer Ghetto in Reaktion auf den Warschauer Ghettoaufstand geschrieben.

Der Kampf der schlecht ausgerüsteten, ausgehungerten Jüdinnen und Juden gegen eine das Ghetto von allen Seiten umschließende nationalsozialistische militärische und paramilitärische Übermacht dauerte einen knappen Monat – am 16. Mai meldeten die zuständigen SS-Kommandanten nach Berlin: „Das Warschauer Ghetto existiert nicht mehr“ – im vollkommen wörtlichen Sinn: Haus für Haus waren gesprengt worden, zuletzt in einer ideologisch aufgeladenen Inszenierung die Große Synagoge.

Hier verlief die Ghettomauer zwischen 1940 und 1943.

Hier verlief die Ghettomauer zwischen 1940 und 1943.

Nur wenige der jüdischen Kämpfer_innen und Zivilist_innen konnten durch die Kanalisation entkommen – unter ihnen der junge Marek Edelman, zuerst Subkommandant und (nach dem kollektiven Selbstmord eingeschlossener Anführer_innen am 8. Mai) letzter Kommandant des Aufstandes. Edelman blieb nach dem Krieg trotz neuerlicher antisemitischer Vorfälle in Polen – „irgendjemand musste schließlich bei all den Umgekommenen bleiben“ – und starb 2009 im Alter von 90 Jahren. Bis zu seinem Tod erhielt er jedes Jahr am 19. April von einer unbekannten Person gelbe Märzenbecher, die er am Denkmal der Warschauer Ghettoheld_innen niederlegte. In Erinnerung an diese Geste verteilen heutzutage jeden 19. April Freiwillige in ganz Warschau kleine gelbe Papierblumen, die man als Zeichen der Erinnerung an der Kleidung trägt.

"Mein" gelbes Papierblümchen.

„Mein“ gelbes Papierblümchen.

Doch es gibt in Warschau nicht nur dieses schreckliche Kapitel der jüdischen Geschichte zu entdecken, sondern insbesondere seit 2013 viel, viel mehr – in diesem Jahr eröffnete nämlich das POLIN, das Museum der Geschichte der polnischen Juden, mit einer Daueraustellung über 1000 Jahre jüdischer Geschichte in Polen (bzw. teilweise ganz Mitteleuropa). „Polin“ bedeutet auf Hebräisch „Bleib hier“, gleichzeitig ist es die hebräische Bezeichnung für das Land Polen.

Das Denkmal der Ghettoheld_innen, im Hintergrund das neu errichtete POLIN-Museum.

Das Denkmal der Ghettoheld_innen, im Hintergrund das neu errichtete POLIN-Museum.

Die Ausstellung, in der man wahrscheinlich auch Tage verbringen könnte, ist eine in ihrer Fülle beinahe überfordernde Mischung aus interaktiven bzw. Hands-on-Exponaten und eher ‚klassischem‘ Museumsaufbau mit Bildern, Ausstellungsgegenständen und Texten, eingebettet in ein komplexes Leitsystem mit oft an die behandelte Zeit angelehnten Raumgestaltungen. Ein Online-Kauf der Karten (oder frühes Anstellen) ist an Wochenenden bzw. zu Gedenktagen sicher empfehlenswert, zumal die Besucher_innen (jedenfalls offiziell) nur in 15-minütigen Abständen eingelassen werden.

Im Maßstab 1:0,9 nachgebaute Synogage aus dem 17. Jh. aus Gwoździec, heute Hwisdez, Ukraine.

Im Maßstab 1:0,9 von Freiwilligen nachgebaute Synogage aus dem 17. Jh. aus Gwoździec, heute Hwisdez, Ukraine.

Wir haben zweieinhalb Stunden im POLIN verbracht und dabei schon einige Teile eher großzügig übersprungen bzw. nur im Schnelldurchlauf angeschaut. Wenn man die Zeit dazu hat, empfiehlt sich wahrscheinlich ein wiederholter Besuch, ansonsten ist es wohl nicht schlecht, sich anhand der am Eingang erhältlichen Flyer („A Short Guide to the Core Exhibiton“) im Vorhinein zu überlegen, welche Bereiche einen am meisten interessieren und diese gezielt intensiv anzusehen.

Vier Damen mit No-Nonsense-Attitüde: Streikkommittee aus Białystok, 19. Jh.

Vier Damen mit No-Nonsense-Attitüde: Streikkommittee aus Białystok, 1901.

Nicht zuletzt sieht sich das POLIN als einen Ort des gegenwärtigen jüdischen Lebens, mit Vorträgen, Musik- und Theaterveranstaltungen und Workshops für alle Altersklassen. Die Schlusssätze dieses Blogeintrags gehören einem neuerlichen Zitat, diesmal aus dem erwähnten Flyer des POLIN:

At the monument [Denkmal der Ghettoheld_innen] we honor those who perished by remembering how they died. At the museum, we honor them, and those who came before and after, by remembering how they lived.

VLUU L310 W  / Samsung L310 W

Vor einer Woche hätte ich im winterlichen Zakopane noch eher T.S. Eliot zum April zitieren können, „April is the cruellest month“. Mittlerweile ist allerdings, jedenfalls in Krakau, tatsächlich der Frühling ausgebrochen, und auch wenn die „shouers soote“ bislang noch ausgeblieben sind (angeblich soll sich das am Mittwoch ändern), so „longen folk to goon on pilgrimages“, zumindest am Wochenende, und wenn schon nicht bis Canterbury, dann in die Planty, ans Weichselufer oder zur nächsten Eisdiele. So auch ich, wobei neben einigen vor Frühling strotzenden Fotos auch folgendes Poem im Stile von Alf Poiers „Good Old Europe is Dying“ entstanden ist (ich halte Alf Poier nicht aus, aber der Vierzeiler aus diesem Lied hat sich dermaßen in mein Hirn eingebrannt, dass ich ihn immer wieder abwandle, wenn ich irgendwo sitze und auf etwas warte o.ä.):

Ich sitze ganz alleine in den Planty
und schau den Radlfahrern hinterher;
zwei ält’re Leute ziehen Absperrungen
und keiner hält sich daran bittesehr.

(kursiv = Versbetonung schlägt Wortbetonung, während beide zusammen ein gewisser Schlag ins Gesicht des Metrums sind)

VLUU L310 W  / Samsung L310 W

Hinter der Fotografin und daher nicht im Bild: rotweißes Absperrband.

Wozu die rotweißen Absperrbänder wirklich gut sein sollten – ich hatte keine Ahnung, als ich dort saß und meine Gedanken darüber zu Papier brachte. Die beiden (bzw. wie sich später herausstellte: drei) Leutchen um die 60 trugen zwar je eine gelbe Sicherheitsweste mit der Aufschrift „Ochrona“ (Security), saßen nach dem Anbringen der Absperrbänder aber wieder ganz gemütlich herum und ermahnten auch nicht etwa die Passant_innen, die die Absperrung fast allesamt großzügig ignorierten. Irgendwo hatte ich im Vorbeigehen irgendwas mit pamię… (Erinnerung/erinnern) gelesen – also vielleicht ein Kunst-/Gedenkprojekt?

Nach etwa zehn Minuten installierten die beiden Herren und die Dame „Ochrona“ die nächsten Absperrbänder an den nächsten drei ‚Querwegen‘ – allerdings diesmal so hoch oder so tief, dass man ganz, ganz leicht darunter durchgehen oder aber darübersteigen konnte – also noch ’sinnvoller‘ als Absperrung als die bisherigen Bänder… Wofür auch immer hier abgesperrt wurde, die möglichen Teilnehmer_innen und Zuschauer_innen würden sich wohl freiwillig an die Absperrungen halten. Oder doch ein Kunstprojekt? Ich fragte mich schon ernsthaft, ob ich es durch meine Anwesenheit im Park gerade quasi ins MOCAK (Krakauer Museum für moderne Kunst) schaffte.

Tja, hätte ich abgewartet, hätte ich vielleicht noch vor Ort erfahren, worum es sich tatsächlich handelte: Um einen fünf Kilometer langen Gedenklauf, Bieg Pamięci, mit Ziel an der Schindlerfabrik in Podgórze. Die feineren Details entgingen mir auch im Internet, da ich keine Beschreibung auf Englisch finden konnte, aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich zwar vielleicht etwas versäumt habe, aber doch nicht das Event des Jahres, da sich bei mir das Interesse, anderen Leuten beim Laufen zuzusehen, eher in Grenzen hält. Kudos trotzdem an diejenigen, die heute gelaufen sind, denn soweit hätte es bei mir, auch wenn ich früher von der Veranstaltung gewusst hätte, ja sicher auch nicht gereicht: Aktivlaufen noch unattraktiver als Passivlaufen… 😉

Im März 1941 wurde das Krakauer Jüdische Ghetto in Podgórze (Stadtteil südlich der Weichsel) errichtet. 16.000 Menschen mussten mit dem Platz auskommen, der zuvor 3000 Einwohner_innen zur Verfügung gestanden war. Das Ghetto wurde eingemauert, wobei oft Häuser als Grenze verwendet wurden, deren jeweilige Fensterfront zugemauert wurde; die Lücken dazwischen wurden durch neu errichtete Ghettomauern geschlossen, deren Aussehen an jüdische Friedhofsmauern bzw. Grabsteine gemahnt – ein morbider Anblick für die derart Eingemauerten.

Sticker der heutigen Veranstaltung.

Sticker der heutigen Veranstaltung

Bereits zwei Jahre später, am 13. und 14. März 1943, wurde das Ghetto „liquidiert“ – d.h. die Einwohner_innen wurden in Arbeits- und Konzentrationslager verbracht (v.a. ins nicht weit entfernte, innerhalb der Verwaltungsgrenze Krakaus liegende Lager Płaszów, dessen Kommandant Amon Goeth ebenso wie der gesamte Vorgang vielleicht manchen aus „Schindlers Liste“ geläufig ist) oder an Ort und Stelle umgebracht (besonders Kinder, Kranke und „Arbeitsunfähige“, aber z.B. auch Menschen, die schlicht nicht mehr auf die Lastwägen passten). Der Hausrat der abtransportierten bzw. getöteten Jüdinnen und Juden wurde auf die Straße geworfen – ein Aspekt, an den das jetzige Denkmal am Plac Bohaterów Getta (Platz der Ghettohelden) erinnert: Leere Stühle in verschiedenen Größen stehen auf dem einstmaligen Hauptplatz (und einzigen Platz in dem Sinne) des Ghettos; ihre Besitzer_innen werden nie zurückkehren.

Plac Bohaterów Getta

Plac Bohaterów Getta

Seit 1980 wird der Liquidierung des Ghettos jährlich im März mit einem Gedenkmarsch (Marsz Pamięci/March of Remembrance) gedacht („Marsch“ klingt auf Deutsch in dem Zusammenhang echt nicht gut, aber „Spaziergang“ klingt noch dümmer – andere Vorschläge, anyone?). Heuer war dieser am heutigen Sonntag, und nach den letzten, regnerisch-eiskalten Tagen war heute wieder ein sonniger, mittags durchaus warmer Frühlingstag, an dem es nicht schwerfiel, aus dem Haus zu gehen und sich der Veranstaltung anzuschließen.

Gedenktafel an der Pizzeria...

Gedenktafel an der Pizzeria…

Nach einigen kurzen Ansprachen und einer Kranzniederlegung mit Kaddish durch den Rabbiner (die Gedenktafel am Plac Bohaterów Getta ist, durchaus zweifelhaft, an einem Gebäude angebracht, in dem sich heute eine eher schrill beworbene Pizzeria befindet) setzten wir uns Richtung Płaszów in Bewegung; teils auf der Hauptstraße oder Straßenbahnschienen querend, im Großen und Ganzen aber den Verkehr nur wenig behindernd. Ein weiterer Halt war an einem der beiden noch stehenden Stücke ehemaliger Ghettomauer, wo ebenfalls Kränze niedergelegt wurden.

An der ehemaligen Ghettomauer.

An der ehemaligen Ghettomauer.

Die Stätte des ehemaligen Konzentrationslagers ist heute praktisch nur durch Hinweisschilder („Sie betreten jetzt den Bereich des ehemaligen nazi-deutschen KL Płaszów…“) und ein Mahnmal kenntlich, teilweise stehen Einfamilienhäuser dort, zum Großteil ist es aber einfach Wiese, Schotterweg, weite Fläche – auf einer Seite begrenzt durch eine große Ausfallstraße, an deren anderer Straßenseite sich ein Einkaufspark erstreckt. Möchte man zum Mahnmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, steigt man also mit hoher Wahrscheinlichkeit bei einer Busstation aus, die nach dem Einkaufszentrum „Bonarka“ benannt ist…

Das Mahnmal in Płaszów von der Straßenseite aus.

Das Mahnmal in Płaszów von der Straßenseite aus.

Die Veranstaltung heute war schlicht, würdevoll und teils sehr berührend (man sehe etwa das Bild des Mannes an der Ghettomauer). Es war schön, dabeisein zu können.

P.S.: Mehr Fotos gibt es auf der Website von Radio Kraków.