Mit ‘Sehen’ getaggte Beiträge

Bevor die besprochenen Inhalte in den Status des Schon-gar-nicht-mehr-wahr-Seins eintreten, liefere ich hiermit nun den lange versprochenen dritten Teil übers Festiwal Kultury Żydowskiej / Jewish Culture Festival, das, wie gesagt, von 25.06. bis 05.07. in Kazimierz stattgefunden hat. 🙂

Film, Tanz und Musik

Das Festival (d.h. die Veranstaltungen u.a. in den Synagogen) wie auch das „accompanying programme“ (im JCC und im Galicia Jewish Museum) boten mehrere Schienen, um sich mit den Künsten zu beschäftigen – rezeptiv, aber teils auch produktiv. Drei Beispiele:

Ida
Ich konnte ja doch nicht aus Krakau wieder heimfahren, ohne DEN polnischen Film des Jahres (oder der letzten beiden Jahre) gesehen zu haben – Ida, das mit dem heurigen „Auslandsoscar“ prämierte Drama des in Großbritannien lebenden Regisseurs Paweł Pawlikowski. Die im Galicia Jewish Museum laufende Reihe „The Space of an Image“, die (fast) jeden Tag ein bis zwei Filme bot, gab mir hierzu die sogar kostenlose Gelegenheit (gegen vorherige Abholung von Zählkarten – as easy as pie, wenn man sich untertags sowieso alles Mögliche im Umkreis ansieht und -hört).
Zum Film selbst, ein bisschen mithilfe von Gedankengängen meines lieben Mitbewohners No. 3: Ein Film, der einen sehr gefangen nimmt, während man ihn ansieht, der aber aus irgendeinem Grund nicht zwingend dazu herausfordert, ihn nochmals anzusehen. Aber schon wegen der kontroversen Aufnahme in Polen selbst auf jeden Fall sehenswert, und se es nur, um sich etwas unter den „Anklagepunkten“ vorstellen zu können (insbesondere wurde intensiv die Darstellung von Pol_innen als ‚as oppressors rather than World War II victims’ kritisiert).

Tea Dance Party

Tea Dance Party

Tea Dance Party
Fünf Tage lang hatten Interessierte die Gelegenheit, verschiedene Tanz-Workshops zu besuchen, die alle rund um das Motto „The Polish-Yiddish Ballroom“ kreisten – es ging gemäß Festival-Programmheft v.a. um europäische Gesellschaftstänze, die im 19. und frühen 20. Jh. Eingang ins Klezmer-Repertoire fanden. Als Abschluss dieser Workshop-Reihe (an der ich als begnadete Tanz-Legasthenikerin lieber nicht teilgenommen hatte) fand am Freitag, 3. Juli, ab 19 Uhr die „Tea Dance Party“ auf dem Plac Wolnica statt, dem ehemaligen Rathausplatz von Kazimierz (bzw. ist, genau betrachtet, der Plac Wolnica das, was vom ehemals riesigen Hauptplatz Kazimierz’s übriggeblieben ist). Unter der Leitung von Steve Weintraub (USA) zeigten die Workshop-Teilnehmer_innen, was sie gelernt hatten – und alle anderen konnten mitmachen, wenn sie wollten, da die Figuren der meisten Tänze kurz eingeübt und dann über Mikrophon angesagt wurden. Die ausgelassene und doch konzentrierte Stimmung, die live gespielte und daher für Zurufe des Maestros empfängliche Musik, die nach einem heißen Tag angenehme Abendstimmung – ganz großes Tennis, sodass sogar ich mich fast reif zum Mittanzen fühlte. Fast – vielleicht 20 Minuten mehr oder jemanden, die/der mir den entsprechenden Stoß oder (noch besser) Zug gibt, hätte es wohl noch gebraucht… „maybe next year“ (um aus dem Song Canada von Milow zu zitieren)…?

Alte Zachen

Alte Zachen

Shalom on Szeroka Street
Kurz und bündig gesagt: Das große Abschlusskonzert des Festivals – mit diversen Bands, die in der Konzertreihe gespielt hatten, in Reprise, und ausnahmsweise vergleichsweise viel Security-Aufwand (merke: nicht außen an den Absperrungen stehen, zwenga dem Durchgang warads) – wobei „viel“ wirklich in Vergleich mit sonstigem Krakauer und insbesondere FKŻ-Security-Aufwand zu setzen ist, beim Eintritt in den Mailänder Dom (beispielsweise) ist die Taschenkontrolle strenger als beim Shalom
Weil ich leider nach einem sehr sonnigen und mit einem schönen Ausflug ins Umland verbrachten Tag mehr geschüttelt als gerührt war, habe ich letztlich nur zwei Bands gesehen, aber schon das hat sich absolut ausgezahlt: Alte Zachen (sehr, sehr super und nicht halb so angestaubt, wie der Name glauben lassen möchte) und die Klezmatics (auch sehr toll), mit deren „Mermaid Avenue“ ich diesen Blogeintrag auch abschließen möchte:

55. Kraków Film Festival

Veröffentlicht: 5. Juni 2015 in Allgemein
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Hardcore-Filmfestivalbesucher_innen sehen anders aus, das gebe ich gerne zu. Ich bin einfach ein bisschen dem gefolgt, was mir dreingerannt ist, was mich spontan angesprochen hat und was sich gut in meinen sonstigen Zeitplan integrieren ließ, und kam auch wieder mal mit wenig bis gar keinem Geld aus (merke: vormittags sind die Screenings günstiger, jedenfalls beim Kraków Film Festival).

1. Juni:
Filmfestival-Screening eines queeren Dokumentarfilms um 11 Uhr vormittags und ich, der Ersatzhipster aus dem Wiener Migrant_innenbezirk, bin im gerade noch zulässigen Outfit gekommen, da ich zum Glück eine weiße Stofftasche vorweisen kann und mich daher in das Panoptikum an lange Vollbärte, interessant bedruckte Leggings und/oder ebenfalls weiße Stofftaschen tragenden Wartenden einfüge. Etwas knapper vor Beginn kommt dann noch zum Ausgleich ein älteres, miteinander Englisch sprechendes Paar – beide haben einen Festivalpass und sie diskutieren aufgekratzt, was sie wann in welcher Reihenfolge anschauen können und wann sie wo spätestens wieder wegmüssen damit sie dieses und jenes auch noch erreichen. Ich hoffe ernsthaft, sie haben bei dem überaus warmen Wetter diese Woche auf ihren Wegen zwischen den Kinos keinen Hitzschlag erlitten.
Der Film war übrigens dieser hier: Bevor der letzte Vorhang fällt (D 2014) – sehr herzerwärmend, auch etwas melancholisch, insgesamt einfach ganz wunderbar eine große Bandbreite an menschlichen Emotionen und Haltungen wertschätzend zeigend.

VLUU L310 W  / Samsung L310 W3. Juni:
Ich entdecke das Kino pod Wawelem, ein temporäres Freiluftkino mit freiem Eintritt am Weichselufer unterhalb des Wawel. Es ist so temporär, dass sogar die Leinwand vorsorglich jeden Tag her- und wieder weggeräumt wird, ebenso die Bestuhlung. Diese besteht aus pinken Liegestühlen mit dem Logo eines Sponsors und „normalen“ schwarzen Plastiksesseln dahinter. In der ersten Plastiksesselreihe hat man zwar vielleicht weniger Lümmel-Komfort als in den Liegestühlen, dafür kommt man als brillentragende Quasi-Sitzriesin recht gut ohne Genickstarre und – da die Leutchen in den Liegestühlen ja „tiefergelegt“ sind – ohne jemandes Hinterkopf im Blickfeld durch. A propos Brillenträgerin – falls es jemand amtlich braucht, ich bin vielleicht nicht nachtblind, aber definitiv dämmerungsschaßaugad; falls ihr mich mal dringend loswerden müsst, setzt micht also am besten im Zwielicht irgendwo aus.
Gegeben wurde Pink Floyd: The Wall von 1982, über den, wer ihn (so wie ich bis vorgestern) noch nicht kennt, alles im Internet nachlesen kann. „Introducing: Bob Geldof“ im Abspann ist übrigens irgendwie lustig formuliert – ja, mir ist schon klar, dass solche Formulierungen früher im Filmgeschäft üblich waren, wenn es um erste (größere) Schauspieleinsätze ging, aber vorstellen im allgemeinen Sinn musste man Geldof 1982 ja eigentlich nicht mehr.
Vorzustellen bleibt allerdings noch ein Beitrag aus der Kategorie „Jobs die ich hoffentlich nie werde machen müssen“: Das tanzende Sponsorenmaskottchen vor Filmbeginn (der einzige Vorteil scheint mir zu sein, dass dich unter dem – dafür sicherlich sauheißen – Plüschkostüm wirklich niemand erkennt).

SDC10810 00_00_00-00_00_10(Da ich keine Videos hochladen kann, leider nur ohne Ton in mieser GIF-Qualität).

4. Juni
Ich bleibe dem Kino pod Wawelem und seiner Musikfilmreihe treu und sehe Buena Vista Social Club (1999) von Wim Wenders. Um es mal kurz und international zu sagen: ❤ ❤ ❤
Weniger begeistert goutiere ich die Tatsache, dass im Auftrage eines Sponsors offenbar jeden Tag als Vorprogramm derselbe ca. 13-minütige Werbe- oder vielmehr Lehrfilm gezeigt wird, mit dem das Publikum auf die mannigfaltigen Gefahrenquellen des elektrischen Stromes im Haushalt hingewiesen werden soll (man kann den Film sogar auf Youtube sehen, aber im Grunde ist das Niveau der Ratschläge ungefähr Sachkundeunterricht für Volksschüler_innen).
Beim zweiten Mal hat der Film mit den zwei „Agenci w czerni“ (Agenten in Schwarz), die leider nicht halb so cool sind wie Tommy Lee Jones und Will Smith, dann doch jeglichen Reiz eingebüßt, den er für die sprachaufsaugende Ausländerin beim ersten Sehen noch irgendwie gehabt hatte (da ohne englische Untertitel gesendet, obwohl solche angesichts der generellen Zweisprachigkeiten des Festivals eigentlich nur konsequent gewesen wären).

5. Juni
Es steht im Freiluftkino Emir Kusturicas Super 8 Stories (2001) auf dem Programm, und während ich das hier tippe laufen sie wohl noch. Da ich zwar die Musik super fand, aber in den ersten ca. 25 Minuten nicht vom Film als Film derart mitgerissen wurde, dass es mich Müdigkeit und leichtes Frösteln vergessen gemacht hätte, bin ich wieder heimwärts geschlendert.
Dafür kam ich vor dem Filmstart – sozusagen „once more with feeling“ – wieder in den Genuss meiner Energieagentenfreunde, deren vertrauter Anblick auf der Leinwand mich schon beim Näherkommen begrüßte…

Da es morgen Abend zur „Nacht der Synagogen“ nach Kazimierz gehen soll, schließt sich hiermit wohl auch mein bescheidenes Festival-Tagebuch. Danke fürs Lesen (und für heute auch: gute Nacht)! 🙂