Mit ‘Sommer’ getaggte Beiträge

Fernweh an der Holzwand

Veröffentlicht: 12. August 2015 in Allgemein
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VLUU L310 W  / Samsung L310 WFür alle, die sich immer schon gefragt haben, was ich mit all diesen treulich gesendeten Ansichtskarten eigentlich anfange… 🙂

Das im – hierzublogs schon öfter erwähnten – Krakauer Stadtteil Kazimierz beheimatete Festiwal Kultury Żydowskiej / Jewish Culture Festival fand heuer zum 25. Mal statt, wobei es anfangs einen Zwei-Jahres-Rhythmus gegeben haben dürfte, da das erste Festival bereits aus dem Jahr 1988 datiert.

Passend zu diesem „Viertelhundert“ (das offenbar leicht, sogar von offiziellen Moderator_innen, als Vierteljahrhundert missverstanden werden konnte) lautete das Thema dieses Jahr Quarter/Kwartał, wobei sowohl im Englischen als auch im Polnischen, so wie im Deutschen, die doppelte Bedeutung von „¼“ und „Stadtviertel“ mitschwingt. Angeblich rund 500 Veranstaltungen wurden in den 11 Tagen geboten, von denen ich es immerhin schaffte, 13 zu besuchen.

Jewish Quarters

Im Centrum Kultury Żydowskiej in der ul. Meiselsa (CKŻ; auf Deutsch auch zu finden als Stiftung Judaica – Zentrum für Jüdische Kultur) gab es eine großteils sehr interessante Vortragsreihe zum Thema, wie sich (ehemalige) jüdische Viertel in Ostmitteleuropa seit 1945 und insbesondere seit 1989 entwickelt haben und was sie für die heutigen Bewohner_innen (und für die jüdischen Gemeinden, sofern noch oder wieder vorhanden) bedeuten.

Ich habe es zwar nicht zu allen Vorträgen aus dieser Reihe geschafft, aber immerhin zu vieren, namentlich:
Ruth Ellen Gruber: Historic Jewish Quarters in 21st Century Europe
Monika Murzyn-Kupisz: Cultural heritage and its contemporary contest: 25 years of transformations of Kazimierz
Adám Schönberger: To whom belongs the quarter? (Über Budapest)
Agnieszka „Agi“ Legutko: Kazimierz, the ‚Polish Jerusalem’: The Jewish Quarter of Kraków Now and Then

Während die beiden Vorträge von Murzyn-Kupisz und Legutko für mich eine willkommene Abrundung und Ergänzung meines Wissens über Krakau und insbesondere Kazimierz bildeten und manche Analysen meine eigenen kleinen Beobachtungen bestätigten (etwa die zunehmende Gentrifizierung und ‚Touristisierung’ und ihr langsames Überschwappen von Kazimierz auf Podgórze betreffend), boten Gruber und Schönberger (deren Namen, incidentally, zwar deutsch klingen, aber zu einer polyglotten US-Amerikanerin respektive einem in seinem ‚Quarter’ engagiert verwurzelten Budapester gehören) Einblicke, die über Krakau und Polen hinausgingen – Gruber mit einem Überblick über verschiedene neuere Projekte, v.a. in kleineren tschechischen Städten, Schönberger mit einem engagiert vorgetragenen Lagebericht über Budapest: über die Aktivitäten, an denen er selbst seit rund 15 Jahren beteiligt ist, und über die sich unter der Regierung Orbán zunehmend verschärfende Lage für Minderheiten – es gelte in Ungarn mittlerweile schon als politisches Statement, sich überhaupt zur Zugehörigkeit zu oder Herkunft aus einer Minderheit zu bekennen; dennoch wollen die vornehmlich jungen Aktivist_innen der Organisation MAROM aber nicht nur protestieren, sondern durch soziale Arbeit in den Stadtvierteln, ein in Entwicklung befindliches E-Learning-Programm für Jugendliche („Time Traveler“) und Festivals, die (nicht nur die jüdische) Kultur in Budapests 6., 7. und 8. Bezirk sichtbar machen, konstruktiv zu einer offeneren Gesellschaft und zu einem Ende von Antisemitismus, Antiziganismus und Xenophobie beitragen.

Wenn man mehrere Monate im vielleicht einzigen (mittel-)europäischen Land verbracht hat, in dem es „immer einfacher und normaler wird, jüdisch zu sein“ (wie Legutko in ihrem Vortrag betonte), und noch dazu in einer Stadt, in der wesentliche Protagonist_innen der jüdischen Bevölkerung davon sprechen, dass das Zusammenleben mit der nicht-jüdischen Bevölkerung „never better“ war (und zwar „never better“, obwohl Krakau auch schon früher einen besonders guten Ruf in dieser Hinsicht hatte, wie das aus dem 19. Jahrhundert stammende, in Legutkos Vortragstitel zitierte Schlagwort vom „polnischen Jerusalem“ verdeutlicht; und obwohl, man möchte leider fast sagen: natürlich, auch in Polen noch Politiker_innen und sonstige Geistesgrößen herumrennen, die beispielsweise von Nationalkatholizismus träumen und von jüdischer Weltverschwörung faseln) – dann ist es mitunter erschreckend (und erschreckend notwendig!), durch einen Bericht aus erster Hand daran erinnert zu werden, dass es wenige hundert Kilometer entfernt eine Regierung gibt, die mit einem immer autoritäreren und auf ‚ethnischen’ Nationalismus abzielenden Kurs auf den unrühmlichen Spuren der europäischen 1920er- bis 1940er-Jahre wandelt (und dabei von der Politik auf europäischer Ebene sehr, sehr wenig entgegengesetzt bekommt).

VLUU L310 W  / Samsung L310 W

Was die technischen Aspekte betrifft, bot insbesondere der Vortrag von Murzyn-Kupisz für mich eine Novität, nämlich die Verwendung von Kopfhörern für die Simultanübersetzung vom Polnischen ins Englische (die anderen drei von mir gehörten Vorträge waren auf Englisch, wurden aber ebenso simultan ins Polnische übersetzt – insbesondere bei Legutkos sehr gut besuchtem Vortrag fand ein „Run“ auf die Headsets statt, nachdem kurz vorher feststand, dass sie – anders als im Programm angekündigt – nicht auf Polnisch, sondern auf Englisch sprechen würde).

Da Murzyn-Kupisz sehr schnell sprach, hatten die Dolmetscherin und der Dolmetscher, die einander abwechselten, alle Hände voll zu tun; für mich wirkte die Dame einen Tick professioneller, zumal sie ruhiger und in vollständigeren Sätzen sprach (dafür mutmaßlich öfter etwas zusammenfassender übersetzte, was sich aber bei einer solchen Konstellation kaum vermeiden lassen wird). Schwierig empfand ich bei dieser Anordnung zwei Dinge: Erstens gibt sie einem als Zuhörerin nicht die Chance, zu probieren, wieviel man ggf. vom Originalvortrag versteht oder zumindest die Sprachmelodie der Vortragenden „ordentlich“ zu hören (eine ähnliche Situation wie bei synchronisierten Filmen und Fernsehserien); und zweitens ist es bei einem Vortrag mit vielen Powerpoint-Folien sehr schwierig, den Folieninhalten zu folgen, wenn man die Übersetzung immer erst ein bis zwei Folienwechsel später bekommt (und es zusätzlich auf Folien mit viel Text bzw. Tabellen keine zweisprachigen Beschriftungen gibt, an denen man sich orientieren könnte). Ähnlich wie die Konsekutivübersetzung hat also auch das Simultandolmetschen seine Schwierigkeiten und Stärken.

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Vorschau: In ein bis zwei weiteren Einträgen wird es um sonstige Vorträge und Führungen gehen sowie um die musikalische Seite des FKŻ.

#hitzesudern

Veröffentlicht: 13. Juni 2015 in Allgemein
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…ist der schönste Hashtag des Tages: https://twitter.com/hashtag/hitzesudern

Krakau, 17 Uhr: Die Hitze staut, obwohl die Mittagszeit doch irgendwie vorüber ist (wobei Spanier_innen möglicherweise immer noch Siesta halten würden, es also gleichzeitig zur gewohnten Hitzeentwicklung eines Erdentages gehört). Ich verlasse das Haus eigentlich nur, um a) einen Grund zu haben, nicht ganztägig im Pyjama herumzusitzen, und b) um klipp und klar vor mir selber rechtfertigen zu können, dass ich es draußen nicht aushalte und mein Glück besser wieder in geschlossenen Räumen, konkret der – nunmehr: glücklicher- und dankenswerterweise – nordseitig gelegenen Wohnung suche.

Ich bin stark dafür, dass die Heizung in der Stadt bald wieder abgedreht wird, schön langsam wirkt es kitschig, auch wenn sich warme Sommerluft natürlich irgendwie in das Bild einfügt, das Krakau dank an italienische Renaissance angelehnte Repräsentativarchitektur (Wawel-Schloss-Innenhof, Tuchhallen…) vermittelt. Allerdings muss man dazusagen, dass sowas wie ein Meer deutlich weniger in Reichweite ist als an wahrscheinlich so ziemlich allen Punkten Italiens, was die Sache doch ein wenig unfair gestaltet.

Bis auf weiteres gilt also: Man reiche mir eine Hängematte…!

(Bildquelle: Wikipedia)