Mit ‘Wawel’ getaggte Beiträge

55. Kraków Film Festival

Veröffentlicht: 5. Juni 2015 in Allgemein
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Hardcore-Filmfestivalbesucher_innen sehen anders aus, das gebe ich gerne zu. Ich bin einfach ein bisschen dem gefolgt, was mir dreingerannt ist, was mich spontan angesprochen hat und was sich gut in meinen sonstigen Zeitplan integrieren ließ, und kam auch wieder mal mit wenig bis gar keinem Geld aus (merke: vormittags sind die Screenings günstiger, jedenfalls beim Kraków Film Festival).

1. Juni:
Filmfestival-Screening eines queeren Dokumentarfilms um 11 Uhr vormittags und ich, der Ersatzhipster aus dem Wiener Migrant_innenbezirk, bin im gerade noch zulässigen Outfit gekommen, da ich zum Glück eine weiße Stofftasche vorweisen kann und mich daher in das Panoptikum an lange Vollbärte, interessant bedruckte Leggings und/oder ebenfalls weiße Stofftaschen tragenden Wartenden einfüge. Etwas knapper vor Beginn kommt dann noch zum Ausgleich ein älteres, miteinander Englisch sprechendes Paar – beide haben einen Festivalpass und sie diskutieren aufgekratzt, was sie wann in welcher Reihenfolge anschauen können und wann sie wo spätestens wieder wegmüssen damit sie dieses und jenes auch noch erreichen. Ich hoffe ernsthaft, sie haben bei dem überaus warmen Wetter diese Woche auf ihren Wegen zwischen den Kinos keinen Hitzschlag erlitten.
Der Film war übrigens dieser hier: Bevor der letzte Vorhang fällt (D 2014) – sehr herzerwärmend, auch etwas melancholisch, insgesamt einfach ganz wunderbar eine große Bandbreite an menschlichen Emotionen und Haltungen wertschätzend zeigend.

VLUU L310 W  / Samsung L310 W3. Juni:
Ich entdecke das Kino pod Wawelem, ein temporäres Freiluftkino mit freiem Eintritt am Weichselufer unterhalb des Wawel. Es ist so temporär, dass sogar die Leinwand vorsorglich jeden Tag her- und wieder weggeräumt wird, ebenso die Bestuhlung. Diese besteht aus pinken Liegestühlen mit dem Logo eines Sponsors und „normalen“ schwarzen Plastiksesseln dahinter. In der ersten Plastiksesselreihe hat man zwar vielleicht weniger Lümmel-Komfort als in den Liegestühlen, dafür kommt man als brillentragende Quasi-Sitzriesin recht gut ohne Genickstarre und – da die Leutchen in den Liegestühlen ja „tiefergelegt“ sind – ohne jemandes Hinterkopf im Blickfeld durch. A propos Brillenträgerin – falls es jemand amtlich braucht, ich bin vielleicht nicht nachtblind, aber definitiv dämmerungsschaßaugad; falls ihr mich mal dringend loswerden müsst, setzt micht also am besten im Zwielicht irgendwo aus.
Gegeben wurde Pink Floyd: The Wall von 1982, über den, wer ihn (so wie ich bis vorgestern) noch nicht kennt, alles im Internet nachlesen kann. „Introducing: Bob Geldof“ im Abspann ist übrigens irgendwie lustig formuliert – ja, mir ist schon klar, dass solche Formulierungen früher im Filmgeschäft üblich waren, wenn es um erste (größere) Schauspieleinsätze ging, aber vorstellen im allgemeinen Sinn musste man Geldof 1982 ja eigentlich nicht mehr.
Vorzustellen bleibt allerdings noch ein Beitrag aus der Kategorie „Jobs die ich hoffentlich nie werde machen müssen“: Das tanzende Sponsorenmaskottchen vor Filmbeginn (der einzige Vorteil scheint mir zu sein, dass dich unter dem – dafür sicherlich sauheißen – Plüschkostüm wirklich niemand erkennt).

SDC10810 00_00_00-00_00_10(Da ich keine Videos hochladen kann, leider nur ohne Ton in mieser GIF-Qualität).

4. Juni
Ich bleibe dem Kino pod Wawelem und seiner Musikfilmreihe treu und sehe Buena Vista Social Club (1999) von Wim Wenders. Um es mal kurz und international zu sagen: ❤ ❤ ❤
Weniger begeistert goutiere ich die Tatsache, dass im Auftrage eines Sponsors offenbar jeden Tag als Vorprogramm derselbe ca. 13-minütige Werbe- oder vielmehr Lehrfilm gezeigt wird, mit dem das Publikum auf die mannigfaltigen Gefahrenquellen des elektrischen Stromes im Haushalt hingewiesen werden soll (man kann den Film sogar auf Youtube sehen, aber im Grunde ist das Niveau der Ratschläge ungefähr Sachkundeunterricht für Volksschüler_innen).
Beim zweiten Mal hat der Film mit den zwei „Agenci w czerni“ (Agenten in Schwarz), die leider nicht halb so cool sind wie Tommy Lee Jones und Will Smith, dann doch jeglichen Reiz eingebüßt, den er für die sprachaufsaugende Ausländerin beim ersten Sehen noch irgendwie gehabt hatte (da ohne englische Untertitel gesendet, obwohl solche angesichts der generellen Zweisprachigkeiten des Festivals eigentlich nur konsequent gewesen wären).

5. Juni
Es steht im Freiluftkino Emir Kusturicas Super 8 Stories (2001) auf dem Programm, und während ich das hier tippe laufen sie wohl noch. Da ich zwar die Musik super fand, aber in den ersten ca. 25 Minuten nicht vom Film als Film derart mitgerissen wurde, dass es mich Müdigkeit und leichtes Frösteln vergessen gemacht hätte, bin ich wieder heimwärts geschlendert.
Dafür kam ich vor dem Filmstart – sozusagen „once more with feeling“ – wieder in den Genuss meiner Energieagentenfreunde, deren vertrauter Anblick auf der Leinwand mich schon beim Näherkommen begrüßte…

Da es morgen Abend zur „Nacht der Synagogen“ nach Kazimierz gehen soll, schließt sich hiermit wohl auch mein bescheidenes Festival-Tagebuch. Danke fürs Lesen (und für heute auch: gute Nacht)! 🙂

Varsovie encore

Veröffentlicht: 10. Mai 2015 in Allgemein
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In meinem derzeitigen, leicht verkühlungsbedingten Stupor (ja, so blöd muss man mal sein, sich im Mai zu verkühlen!) habe ich festgestellt, dass noch (mindestens?) ein Warschau-Blogpost auf das Geschriebenwerden wartet – in dem es u.a. um vorübergehend in Schutt und Asche gelegte Schlösser in Polen geht. And here it comes…

Le château royal

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Das Warschauer Königsschloss (Zamek Królewski w Warszawie) war, wie der größte Teil der Warschauer Innenstadt, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von den Nazis systematisch zerstört worden. Anders als der Rest der Alstadt wurde es erst in den 1970er- und 1980er-Jahren wieder aufgebaut – so lange verwehrten sich die kommunistischen Machthaber_innen gegen den Wiederaufbau dieses „klassenfeindlichen“, weil monarchistisch konnotierten, Gebäudes. Ähnlich wie bei anderen Gelegenheiten ließen sich die Pol_innen aber ihre Liebe zu Kirche und Königtum (letzteres vor allem, sofern historisch verklärt) nicht nehmen und stellten das fünfeckige Gebäude unter entsprechenden Mühen wieder dorthin, wo es immer gestanden hatte – mit einem durch den Wiederaufbau ermöglichten Bonusfeature:

Gotik / Rokoko

Gotik / Rokoko

Rokoko / Renaissance

Rokoko / Renaissance

Die Hofinnenseiten, im Original über die Jahrhunderte gewachsen und im Stil angepasst, wurden in drei unterschiedlichen Stilen (Gotik – mit Renaissance-Aufbau, da das gotische Gebäude nie so hoch gewesen war -, Renaissance und Rokoko) wiederhergestellt, sodass man von außen die elegante und einheitliche Renaissance-Fassade sieht, im Schlosshof aber sozusagen die Baugeschichte im Zeitraffer sieht – Museumsfunktion quasi inkludiert. Einen guten Eindruck bekommt man bei diesem Schlosshofpanorama des Bloggers Stefan Maier – aber Achtung, nicht schwindlig werden! 🙂

Zum Königsschloss wurde das Teil in Warschau durch den schon einmal kurz erwähnten Sigismund III. Wasa, der die Residenz 1596 von Krakau nach Warschau verlegte (was ihm die Krakauer_innen bis heute nicht verziehen haben) – wofür er wohl eine Mischung aus verschiedenen Gründen hatte: Zum einen liegt Warschau fast 300 km näher an seinem heimatlichen Schweden, auf dessen Thron sich Sigismund (eher unberechtigte) Hoffnungen machte; zum anderen liegt Warschau innerhalb der Grenzen des Polnisch-Litauischen Großreichs des 16. Jahrhunderts um einiges mittiger als dies im heutigen Polen der Fall ist (sowie definitiv um einiges mittiger als Krakau, damals oder heute); und zum dritten war dem intelligenten Knaben gelungen, im Rahmen von alchemistischen Experimenten einen Gutteil des Wawel-Schlosses in die Luft zu jagen. Was zwar „zeitnahe“ wieder aufgebaut wurde, wie das Bild unten beweist (wenn auch ohne die wunderschönen Wandmalereien, die auf der rechten – unzerstört gebliebenen – Seite zu erkennen sind), aber bei Königs wohnt man halt nicht gerne auf einer Baustelle.

Nicht Warschau, sondern Wawel: Renaissance-Innenhof.

Nicht Warschau, sondern Wawel: Renaissance-Innenhof.

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Winnie l’ourson

Nicht nur Zakopane, auch Warschau liebt ganz offensichtlich den Puchatek:

Matroschka in Bärenform. Fragt mich nicht, wie die weiteren Ebenen aussehen (kleinere Winnies ohne Ohren? Missgestalteter Tigger und mehr oder minder eiförmiges Ferkel?)

Matroschka in Bärenform. Fragt mich nicht, wie die weiteren Ebenen aussehen (kleinere Winnies ohne Ohren? Missgestalteter Tigger und mehr oder minder eiförmiges Ferkel?).

Drei in Polen häufig anzutreffende Spezies: Ein Puuh-Bär grüßt Tourist_innen und einen Zug von Abtreibungsgegner_innen.

Drei in Polen häufig anzutreffende Spezies auf einem seltenen gemeinsamen Bild: Ein Puuh-Bär grüßt Tourist_innen (Vordergrund) und einen Zug von Abtreibungsgegner_innen (Hintergrund).

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Et tout le rest

„Nimm ein Pakiet für mein Sekret“ – ich könnte mich schon fast bei der Wiener MA48 als Hundstrümmerlpoetin bewerben, oder?

Nein, natürlich wird jetzt nicht der ganze Rest Warschaus hier in den letzten Absatz gezwängt; das wäre nicht nur stark verwegen, sondern schon aus dem Grund unmöglich, dass ich im April ja nur einen geradezu lächerlich kleinen (wenn auch hoffentlich für 48 Stunden angemessenen) Ausschnitt der Hauptstadt Polens gesehen habe. Was jedenfalls bleibt, ist der Eindruck der schieren Größe an verstädtertem Gebiet (auch Krakau ist nicht klein, aber man ist viel schneller gefühlt „am Land draußen“, in Villensiedlungen, oder aber in weitgehend bürogebäudelosen Arbeiter_innenvororten) und die nicht unbedingt durch die Gebäude selbst, aber durch den Wissenskontext enstandene Ehrfurcht vor dem gewaltigen Wiederaufbau nach 1945 und vor den beiden verzweifelten Aufständen (Warschauer Ghettoaufstand; Warschauer Aufstand) davor.

Abschließende Worte zum ewigen Streit Warschau vs. Krakau: Why not both?!

Frühlingsboten

Veröffentlicht: 1. März 2015 in Allgemein
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Die Wüste, äh, der Wawel blüht.

Die Wüste, äh, der Wawel lebt.

Es ist März, also her mit dem Frühling – das scheint das Motto der Krakauer Vegetation zu sein. Bei meinem sonntäglichen Spaziergang auf dem Wawel konnte ich neben allerlei Anzeichen, dass homo sapiens sapiens keineswegs kurz vor dem Aussterben steht, auch ein paar Frühlingsboten entdecken, sowohl in der betreuten (oben) als auch der unbetreuten Flora (unten).

Haben seltsamen Plural: Krokusse.

Haben seltsamen Plural: Krokusse.

Während die Drachenhöhle nach wie vor im Winterschlaf versunken liegt, habe ich es heute endlich geschafft, zur Öffnungszeit bei und somit dann auch in der Wawel-Kathedrale zu sein. Dort finden sich die Grabmäler zahlreicher polnischer Könige (und mindestens einer polnischen Königin, die dafür auch gleich die berühmteste von allen ist – Jadwiga (Hedwig) von Anjou) sowie kirchlicher Würdenträger (keine Würdenträgerinnen bekannt), fast unvermeidlich mittlerweile auch eine Reliquie (Blutstropfen) von und eine Kapelle für Johannes Paul II.

Bewacht wird der akkurat fünfsprachig ausgeschilderte Rundgang durch die Kathedrale von Männlein und Weiblein in ehrwürdigen Umhängen, auf dass keine Besucherin auf dumme Ideen kommt (z.B. auf das Baugerüst hinter dem Hochalter klettern oder – ganz verwegen – ein Foto machen). Wobei sich mir dann die Frage aufdrängte, ob der an das sog. Jadwiga-Kreuz gehängte Steigbügel (!) zum Inventar gehört oder eine clevere, worauf auch immer hindeutende Intervention eines zu wenig beaufsichtigten Besuchers darstellt – im Internet zu findende Fotos (!) früherer Besucher_innen (z.B.) deuten interessanterweise auf ersteres hin. Begründungsversuche, warum man dem Gekreuzigten einen Steigbügel an roter Schnur an den durch den Fuß geschlagenen Nagel hängt, werden jederzeit entgegengenommen…

Wawel-Kathedrale. Nicht auf dem Bild: Menschenmassen.

Wawel-Kathedrale (von außen ohne Fotografierverbot). Nicht auf dem Bild: Menschenmassen.